meint man auf dem Foto zu sehen, einen Entrepreneur im Wüstensand, vielleicht einen Filmregisseur der frühen Jahre. Es ist ein Herr aus Hamburg: Aby Warburg, auf der Jagd nach Bildern, die sein Reich sind, unterwegs zum Keam's Canyon, Arizona, April 1896. Der junge Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler nutzte die Teilnahme an der Hochzeit seines Bruders Paul in New York zu einer Exkursion in den Südwesten Amerikas. Sein Hauptziel waren die Siedlungen der Pueblo-Indianer, er schaute sich ihre Rituale an, ihre Tänze, ihre Kleidung und Masken, er besichtigte die Felshöhlen der Mesa Verde, entdeckte Zeichen und Zeichnungen. Die "Leere der Zivilisation im östlichen Amerika" war der Vorwand dieser Reise, die er mit einem Besuch des Bureau of American Ethnology des Smithsonian Institute in Washington einleitete. Der tiefere Grund aber war der "aufrichtige Ekel" vor der "ästhetisierenden Kunstgeschichte" und seine Überzeugung, daß Kulturgeschichte erst aus dem Zusammenhang der ethnologischen und anthropologischen Daten erkennbar wird. Warburgs "Flucht zum natürlichen Objekt und zur Wissenschaft auf gut Glück", wie er diese Reise nannte, dauerte acht Monate. Seine Schnappschüsse (die bis zum 25. April im Altonaer Museum in Hamburg zu sehen sind) zeigen den Forscher, der schon in seinen Untersuchungen zu den Schifanoia-Fresken in Ferrara jene kultischen Energien hinter der Antike und der Renaissance freizulegen suchte, die ihn als Wissenschaftler faszinierten und als Individuum bedrängten. Voller Neugierde und Aufbruchstimmung ist Warburg, voller Melancholie sind oft die Bilder, die er einfängt von den unter erbärmlichen Bedingungen Überlebenden einer vernichteten Kultur. Eine Botschaft, die den Forscher rasch einholt. 27 Jahre später hielt er im Sanatorium von Ludwig Binswanger in Kreuzlingen, wo er nach dem psychischen Zusammenbruch 1928 drei Jahre verbrachte, einen Vortrag zu Bildern über seine Reise - Test für die Rückkehr in sein privates Forschungsinstitut in Hamburg. Die Fotos aus der Neuen Welt sind Dokumente einer Selbstvergewisserung in zweifelhaften Zeiten.

(Grenzerweiterungen - Aby Warburg in Amerika 1895-1896; Verlag Dölling und Galitz, Hamburg 1999; 166 S., 78,- DM)