Wo er recht hat, hat er recht. Was die 15 Staats- und Regierungschefs der EU Ende voriger Woche auf dem Bonner Petersberg verhandelten, das, so sagt Edmund Stoiber, sei "keine Außenpolitik mehr", sondern "europäische Innenpolitik". In der Tat, Brüssels sprödes Reformpaket namens "Agenda 2000" entscheidet über Schicksale: von Zehntausenden von Bauern, von verarmten Regionen, vielleicht gar von Regierungen. Auf dem Spiel stehen bis zu 1,4 Billionen Mark, die Europa binnen sieben Jahren ausgeben will - ein Batzen, der immerhin der Summe von drei Bonner Jahresetats entspricht. Da lohnt sich der Streit.

Nur, und das weiß niemand besser als Bayerns Ministerpräsident, diese "europäische Innenpolitik" gehorcht ihren eigenen Gesetzen. Während die jeweilige Regierung sich mit 14 europäischen Partnern am Kompromiß abmüht, kann die heimische Opposition munter so tun, als sei man allein auf der Welt. Daß auch jeder andere Regierungschef in diesem Kreis Wünsche hegt, Zwänge spürt und zu Hause Gegner fürchtet, die bei der kleinsten Konzession "Verrat" brüllen - das alles ficht den Polemiker Stoiber nicht an. Der Wähler, der nur wenig weiß von Europa, merkt's ja nicht.

Der CSU-Politiker will die deutsche Nettolast senken; 14 Milliarden Mark solle Rot-Grün an Europa sparen. Die Zahl ist absurd - so absurd wie etwa jene Hetze britischer Konservativer, die Tony Blair drohen, sollte er auch nur auf einen Penny vom überkommenen Thatcher-Rabatt verzichten. Oder so grotesk wie das Feuerwerk der sozialistischen Opposition zu Madrid, die Spaniens Regierungschef José Marøa Aznar heimleuchten wird, falls er nicht mindestens so viele Brüsseler Milliarden zurückholt wie einst Felipe González.

Ein anderer, der vormals wie Stoiber das Spiel gegen Brüssel liebte, hat umgeschult: Gerhard Schröder, einst Warner vor allzu teurer Kohlscher "Scheckbuch-Diplomatie", will heute zwar "selbstbewußt deutsche Interessen vertreten". Aber seine Brachialrhetorik über das deutsche Geld, das "die da in Brüssel verbraten", hat der Niedersachse abgelegt. Der Kanzler entschrödert sich ein wenig - und singt prompt, zusammen mit Präsident Jacques Chirac, das Hohelied der deutsch-französischen Freundschaft. Auch der Präsident übt sich in kontinentaler Innenpolitik: Weil Chirac sich daheim als Anwalt der Bauern geriert und die Bonner Idee einer nationalen Kofinanzierung der Brüsseler Agrarausgaben als "uneuropäisch" geißelt, scheint diese sinnvolle EU-Reform blockiert.

Wer zu Lasten der Südländer spart, vergiftet Europas Innenpolitik

Schröders Idee einer nationalen Kofinanzierung von Acker- und Viehprämien ist seit dem Treffen auf dem Petersberg allenfalls noch ein Joker im Agenda-Poker. Die deutsche EU-Präsidentschaft spielt diese Karte, um den 14 Partnern andere Zugeständnisse abzuringen. Und ihre Taktik scheint aufzugehen, auf Kosten des Landvolks: Etliche Regierungschefs forderten ihre Landwirtschaftsminister barsch auf, einen preiswerten Kompromiß für jene Hälfte des EU-Budgets zu finden, die Europas Nährstand alimentiert - eine Agrarrevolution, diktiert vom Rotstift.

Denn seit der Kassen-Kampf mit den strengen Maastricht-Kriterien die heimatlichen Budgetdebatten prägt, wollen die EU-Regierungen auch in Brüssel sparen. Allen voran die Liga der Nettozahler möchte die Agrarausgaben auf knapp 80 Milliarden Mark im Jahr beschränken. Und weil Europas Bauernminister ihren Chefs vorige Woche Vorschläge präsentierten, die gleich neun Milliarden Euro mehr verschlungen hätten, müssen sie nun nachsitzen, Nacht um Nacht. Man sei, so räsonierte Hollands Premier Wim Kok auf dem Petersberg, schließlich "nicht nur ein guter Europäer, wenn man Geld ausgibt". Aus dem Augenwinkel soll der Niederländer dabei auf seinen spanischen Kollegen geblickt haben. José Marøa Aznar nämlich hatte zuvor in scharfen Tönen zurückgewiesen, was Gerhard Schröder und sein Vize Joschka Fischer als Rahmen für die EU-Strukturfonds skizzierten: knapp 400 Milliarden Mark über sieben Jahre, 80 Milliarden Mark weniger, als es die EU-Kommission vorschlägt. Fassungslos staunten Spaniens Diplomaten, "ob der Schröder das wirklich ernst meint". Ja, bitterernst - jede Milliarde weniger im EU-Haushalt spart Bonn schließlich 130 Millionen.