Samstag nacht in Berlin, zwölf nach drei, Haltestelle Eberswalder Straße im Prenzlauer Berg: Dreißig Club- und Kneipengänger stehen zitternd vor einem gelb-grünen Halteschild der BVG, der Berliner Verkehrsbetriebe. Alle paar Minunten schaut jemand ungeduldig auf den Fahrplan - als ob der Nachtbus so schneller käme. Niemand spricht, es hagelt und stürmt. Kein Wartehäuschen schützt uns vor dem Unwetter, die beiden Telefonzellen sind schon besetzt. Noch 22 Minuten.

In der feuchten Kälte dieser Februarnacht sind das sehr, sehr lange Minuten. Klug ist, wer sich vor Verlassen der Party oder des Lokals über die Abfahrtszeiten informiert hat. Ich kann mir Zahlen nicht merken, also trinke ich im Winter kurz vor dem Heimweg grundsätzlich noch schnell einen Kaffee und einen Whisky.

Den Nachtbus nimmt man in Berlin nur für längere Strecken. Verlangt ein vermeintlicher Szenespezi ein Kurzstreckenticket, enttarnt er sich sofort als Tourist aus Brandenburg oder noch ferneren Ländern. Denn in Berlin nimmt jeder für bis zu zehn Minuten lange Trips das Taxi, weil dieser Spaß bloß fünf Mark kostet. Nur Schwarzfahren ist billiger. Nachts muß man allerdings vorn beim Fahrer einsteigen, und ob dieser die Tickets energisch kontrolliert oder nicht, hängt stark von seiner Stimmung ab.

Der Omnibus der Linie N 52 kommt drei Minuten zu spät. Die Wartegemeinschaft ist allerdings froh, daß er überhaupt auftaucht. "Blöde Ampeln, doofe Autofahrer, beschissene Baustellen", mosert der Fahrer, der über die Verspätung empörter ist als seine Passagiere. Als ein milchgesichtiger Kapuzenträger die Lichtschranke des mittleren Eingangs blockiert, koddert der Chauffeur in bester Berliner Schnauze: "Komm, Junge, mach mal die Tür frei. So schwer ist det doch janich." Berliner Busatmosphäre pur. Vier Stationen lang presse ich meine Füße gegen die Heizung des Gelenkbusses, um am Hackeschen Markt erneut eine kurze Ewigkeit auf die Anschlußverbindung nach Neukölln warten zu dürfen.

Sitzt man erst mal im Warmen, mögen sich die Reisenden auch wieder über den famosen öffentlichen Nachtverkehr unterhalten. Ralf habe ich eben im Icon kennengelernt, einem Club in der Cantianstraße. Im Bus wird das Discogespräch vertieft. Ralf kommt aus Cuxhaven und findet das Nachtbusfahren in Berlin richtig "kultig". Mein neuer Bekannter entpuppt sich als Experte für abgefahrene Musikstile wie Electro und Technolectro oder so ähnlich. Weil Ralf meint, das sei bestimmt auch mein Ding, drückt er mir zur Fortbildung die Zeitschrift d2000 in die Hand, das magazine for authentic music.

Fast 100 Nachtlinien verbinden die Bezirke der Hauptstadt zwischen ein und sechs Uhr früh, auf fast 600 Kilometern Strecke. Mit diesem in Deutschland einzigartigen Angebot können selbst Paris und London nicht mithalten. Wer einmal quer durch die Stadt reisen möchte, beispielsweise von Alt-Kladow nach Hellersdorf oder von Buch nach Lichtenrade, muß zwar eine wahre Umsteigetortur ertragen, wird die halbe Nacht unterwegs sein, aber auf jeden Fall ankommen. In den etwas entlegenen Gegenden, in Schöneweide zum Beispiel oder, wie Lästermäuler sagen, in Schweineöde, kutschiert ein von der BVG engagiertes Taxiunternehmen die Fahrgäste sogar bis vor die Haustür.

Ein erholsamer Ausflug ist es, um vier Uhr nachts zur Nervenklinik nach Spandau zu fahren. Einsam sitzt man auf der letzten Bank und beobachtet die vorbeiziehenden Parkanlagen. In den angesagten Ostbezirken, in Mitte etwa, Friedrichshain oder im Prenzlberg, sind die Nachtbusse meist überfüllt. Dort läßt der warme Atem der Discogänger die Fenster beschlagen, drücken sich die tanznassen Körper aneinander. "Der ideale Ort zum Chill-out", meint Ralf.