Lieber Freund, Sie wollen die Hauptstadt besuchen und fragen, wo Sie logieren könnten. Bitte nicht im alten Kempi am Ku'damm. Das hat zwar seine treuen Stammgäste wie Edzard Reuter, die auf das Haus schwören, aber Sie, der Sie sich so selten aus Gummersbach wagen, sollten nach Mitte. Gehen Sie ins Four Seasons am Gendarmenmarkt. Dort ist alles perfekt, bis auf den Kamin, wo Pseudo-Holzscheite mit Gas zum Glühen gebracht werden. Nirgendwo ist der Service besser, eine Luxusherberge, gewiß, aber Sie gönnen sich ja sonst nichts. Unser Kanzler weiß die Betten dort zu schätzen, Amerikaner mögen es, und auch Paul Flora, der große Zeichner aus Innsbruck, steigt dort ab.

Das Adlon. Nun ja. Aber zu pompös. Es reicht, Sie nehmen dort einen Drink. Überlassen Sie diese Herberge den alten Reichen und den neuen Russen. Haben Sie allerdings Berührungsängste mit dem ehemals sowjetisch besetzten Sektor Berlins, wählen Sie im Westen den Brandenburger Hof, unweit der Gedächtniskirche. In diesem Hotel, das zur Relais & Châteaux-Kette gehört, lebt es sich äußerst angenehm. Ein hübscher Innenhof, Mixtur aus japanisch und preußisch, freundliche junge Leute, die einem zu Diensten sind. Hier mieten sich Kenner ein, Kölner Prominenz beispielsweise, die dem Karneval entfleucht und dafür lieber Nofretete aufsucht. Leute halt, die Qualität schätzen.

Sie wollen Ihre verehrte Gattin und das Fräulein Tochter in der Hauptstadt ausführen. Ich hoffe, Sie nehmen unseren gemeinsamen Freund Wolfram Siebeck nicht zu ernst, jedenfalls wenn er über Berlin herzieht. Schrieb er doch kürzlich: "Niveaubestimmend ist in Berlin jene Sorte Stadtneurotiker, die überglücklich ist, in einer Metropole zu wohnen (er meint mich!), und deshalb an die Lebensqualität keine weiteren Ansprüche stellt, was wiederum den Wirten Gelegenheit gibt, mit Wasser zu kochen." Er übertreibt. Sie werden hier bestimmt satt, die Speisen kommen in der Regel warm auf den Tisch, und die Getränke sind angenehm temperiert.

Siebeck würde Sie ins Vau einladen, wie jede fürnehme Zunge, die sich durch die großen Küchen dieser Welt geschleckt hat. Das Vau, ein Ableger des Österreichers mit Hamburger Wohnsitz, Viehhauser, am Gendarmenmarkt plaziert, ist stets ausgebucht. Hier hocken die Betuchten, um gut zu speisen. Allererste Sahne. Sein letztes Silvester-Menü war ein Gedicht. Kostete schlappe 595 Mark pro Nase, Weine, absolut edle Tropfen, inklusive.

Berlins neue Journalisten geben sich die Klinke in die Hand, Volontärinnen, Chefredakteure, das politische Establishment schlürft Austern: Im Borchardt treffen Sie garantiert jemanden, den Sie schon immer und leibhaftig Ihrer Frau zeigen wollten, und wenn es nur der schöne Stasi-Gauck ist, der letztens so übellaunig protestantisch dreinschaute, als ob ihm die Suppe versalzen sei. Die Dame in seiner Begleitung mag Frau Vollmer gewesen sein, aber vielleicht war es auch nur die Merkel.

Wieder ein paar Schritte weiter Lutter & Wegner. Dies ist das Weinhaus, wo im vorigen Jahrhundert E.T.A. Hofmann und der berühmte Mime Ludwig Devrient schampusselige Stunden verbrachten. Ursprünglich lag das Lokal zwar dort, wo heute das Four Seasons steht, was den Berlinern aber Wurst ist, wenn sie auch nur mit einem Zipfelchen Tradition renommieren können. Bei Lutter & Wegner lunchen Makler, geschniegelte Burschen, die sich bei Boss einkleiden und Budapester Schuhe tragen.

"Eine Bereicherung für die Region um den Gendarmenmarkt" nennt der Feinschmecker Wolf Thieme das vor ein paar Wochen eröffnete Portalis. Noch ist nicht auszumachen, welche Klientel dieses Bistro besetzen wird. Es ist ein Ableger des berühmten Restaurants Tantris in München. Sie sehen, lieber Freund, jeder will an der Spree sein Süppchen kochen.