Sein erster Auftritt in Sachen Europa liegt 20 Jahre zurück. Jacques Chirac hatte einen schweren Verkehrsunfall gehabt und lag im Militärkrankenhaus Cochin. Es ist nicht sicher, daß er schon ganz bei Sinnen war, als er, die junge Hoffnung der Gaullisten, den vaterländischen Appell gegen die modernisierungsfreudige Europapolitik Giscard d'Estaings und seine vermeintliche "Partei des Auslands" unterschrieb. Ein Klüngel von alten Getreuen des Generals hatte ihm den sogenannten Appell von Cochin untergeschoben. Bei der darauffolgenden Europawahl im Frühjahr 1979 erzielte Jacques Chirac für seine eigene Partei das schlechteste Wahlergebnis aller Zeiten - 18 Prozent.

Diese Woche hat sich Jacques Chirac vom Elysée aus wieder überraschend in Sachen Europa zu Wort gemeldet, diesmal mit einer sehr dialektischen Aufforderung zum Weitermachen. Europa sei der "politische und geistige Ort", an dem die "Idee der Nation" Kräfte sammeln könne. Die Form - eine "Botschaft" an das Parlament, das gerade über die Ratifizierung des Vertrags von Amsterdam debattiert - ist außergewöhnlich und gehört in die urgaullistische Gestik: Die Worte des Präsidenten werden vom Präsidenten der Nationalversammlung verlesen und richten sich über die Volksvertreter ans Volk. Das Verfahren wirkt dramatisch und ein bißchen königlich.

Ein Überraschungscoup in widriger Zeit. In Frankreich hat er die Bemühungen der europäischen Sozialdemokraten in Mailand um eine gemeinsame "linke" Vision Europas aus den Schlagzeilen verdrängt. Ein geschicktes Manöver Chiracs, um ein bürgerliches Lager für die nächste Europawahl zu definieren und sich selbst gleichzeitig zu dessen Schirmherrn zu machen. Die bürgerlichen Parteien gehen in Frankreich nämlich - durch Chiracs Mitschuld - zersplitterter als nötig in den Europawahlkampf.

Der Präsident hat es zugelassen, daß der prominenteste Gegner des Vertrags von Maastricht den Spitzenplatz auf der gemeinsamen Liste von Gaullisten und Liberalen einnimmt. Ihnen wird ein Stimmenanteil von 18 Prozent vorhergesagt. Die Zentristen haben sich daraufhin selbständig gemacht und hoffen auf 9 Prozent. Alle Aufrufe zur Einigkeit gehen ins Leere. Chirac versucht, das nun wettzumachen, indem er sich als Schirmherr beider Listen darstellt. Gleichzeitig setzt er sich in der "Botschaft" an das Parlament unmißverständlich ab von denen, die ihm 1978 die Hand geführt hatten und heute unter Berufung auf General de Gaulle mit einer eigenen Anti-Europa-Liste zur Wahl antreten wollen.

Jacques Chirac ist ein Politroutinier, dessen Karriere weniger auf dem Ringen um tiefsitzende Überzeugungen aufbaut denn auf einer Abfolge von realistischen Etappenzielen. Ein opportuner Richtungswechsel ist nie ausgeschlossen, mit einer Ausnahme: Eine Verwicklung mit dem rechtsextremistischen Front National hat Chirac immer klar abgelehnt - auch in jüngster Zeit, als die eigene Parteibasis an Selbstzweifeln litt und deshalb bröckelte.

Zum Mitwirken an der europäischen Einigung hat er nur auf Umwegen gefunden. Seine ersten Erlebnisse in Brüssel waren nationale Erfolgserlebnisse; als Landwirtschaftsminister von 1972 bis 1974 hat er all seine - bis heute berüchtigte - Verhandlungsenergie im Interesse der französischen Bauern entfaltet. In dieser kurzen Zeit hat Chirac politisch Gestalt angenommen. Sie prägt bis heute das Bild, das die Franzosen sich von Chirac machen. Viele Jahre war er gleichzeitig Abgeordneter des ländlichen Departements Corrèze und Bürgermeister der Hauptstadt Paris. Das sind Widersprüche, die Jacques Chirac nicht stören.

Den Mustereuropäer Helmut Kohl hat er bewundert und um die Macht beneidet, die ihm aus Europa zugewachsen ist. Ein europäischer Visionär, ein Impulsgeber, ist Chirac trotzdem nicht geworden. Das hat sich bei den beiden europäischen Themen der letzten Wochen, Agenda 2000 und Kosovo, gezeigt. Die Konstellation war in beiden Fällen schwierig. Zur Agenda 2000 hatten die Deutschen ungeschickte Vorgaben gemacht, in Sachen Kosovo hatte sich Frankreich, wie in einem abgeschwächten Reflex aus dem Jahr 1918, zu sehr auf die Rolle des Gastgebers kapriziert.