Die Schweiz bietet ihren sieben Millionen Bürgern einen speziellen Service. Überaus nützlich für den, der im Leben zu der Gewißheit gelangt ist, daß es nicht mehr weitergeht. Denn Artikel 115 des Strafgesetzbuches hält - wenn auch verklausuliert - fest, was in Deutschland Befremden auslöst: Die Beihilfe zum Selbstmord ist erlaubt. Wer einem andern beim Suizid hilft, geht straffrei aus, solange er nicht aus selbstsüchtigen Beweggründen handelt.

Zwar darf auch in Deutschland der Arzt ein tödliches Medikament verschreiben und es dem Patienten sogar mitbringen. Sobald das Medikament jedoch zu wirken beginnt, ist er verpflichtet, das Leben des Selbstmordkandidaten zu retten. Ein skurriles Dilemma. Die Lösung für den Mediziner: Er verläßt rechtzeitig den Raum.

In der Schweiz hat der Sterbehelfer dagegen keine Eile. Er darf die geladene Pistole reichen oder, wie die Sterbehilfeorganisation Exit dies tut, das Gift bereitstellen oder eine Infusion in die Vene setzen. Einzige Bedingung: Der Sterbewillige muß das tödliche Barbiturat selbst schlucken oder den Infusionshahn eigenhändig aufdrehen. So zumindest verlangt es der schweizerische Gesetzgeber. Er bestraft den Sterbehelfer nur, wenn dieser "überwiegend die Befriedigung eigener materieller Bedürfnisse" anstrebt - mit "Zuchthaus bis zu fünf Jahren".

Doch so unterschiedlich die juristischen Ansichten in den Nachbarländern Deutschland und Schweiz sind, die Auseinandersetzung um das Thema macht vor den Grenzen nicht halt. Ist der Patient zu dem Zeitpunkt, in dem er den Sterbewunsch äußert, tatsächlich im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte? Dürfen die Helfer auch psychisch Kranken, die körperlich gesund sind, beim Sterben behilflich sein?

Die umstrittene Suizidhilfe bei depressiven Patienten hat nun eine Debatte über die größte schweizerische Vereinigung für humanes Sterben, kurz Exit, ausgelöst. Die 1982 gegründete Organisation - sie hat zur Zeit rund 61 000 Mitglieder - will jedem beim Freitod helfen, der unter "unerträglichen Beschwerden oder unzumutbarer Behinderung" ein Leben mit "hoffnungsloser Prognose" führt. Exit soll wiederholt für Menschen Freitodhilfe geleistet haben, die kein unheilbares körperliches Leiden aufwiesen: psychisch Kranke.

Der jüngste Fall wurde am vergangenen Sonntag bekannt: Der bald 80 Jahre alte Meinrad Schär, "Exit-Arzt" und früher oberster Präventivmediziner des Kantons Zürich, hatte einer knapp 30jährigen Frau ein tödliches Medikament verschrieben. Die Patientin war körperlich vollkommen gesund, allerdings schwer depressiv. Erst im letzten Moment verhinderte der Basler Kantonsarzt Hanspeter Rohr ihren Tod: Als der Sterbebegleiter von Exit schon auf dem Weg war, im Gepäck zehn Gramm Natriumpentobarbital, ließ Rohr die Frau zwangsweise in die geschlossene Abteilung der psychiatrischen Universitätsklinik Basel einweisen.

Inzwischen hat sie die Klinik wieder verlassen. Sie spreche "dem Vernehmen nach nicht mehr davon, sich das Leben nehmen zu wollen", schreibt die Zürcher Sonntags Zeitung, was von Exit allerdings postwendend bestritten wurde.