Sollte dieses Vorhaben ein Maskottchen brauchen, so würde sich Janus anbieten, der zwiegesichtige Gott, der mit dem einen Antlitz in die Vergangenheit zurückblickt, während das andere nach vorn in die Zukunft blinzelt: 20/21 - music of our time. Zum hundertjährigen Firmenjubiläum hat die Deutsche Grammophon eine neue Edition gestartet, die sich ausschließlich der Gegenwartsmusik widmen wird. Was alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist, denn gerade die großen Plattenlabels machen um die kommerziell uninteressante, sperrige zeitgenössische Musik meist einen großen Bogen und überlassen das Feld den kleinen spezialisierten Firmen. Die Deutsche Grammophon hat auf diesem Gebiet eine Tradition zu verteidigen, Komponisten wie Hans Werner Henze, Mauricio Kagel oder Pierre Boulez gehörten zu den Hauskomponisten, bevor das Profitdenken die Programmpolitik zu dominieren begann. Die ersten Folgen der Reihe bieten denn auch die bewährten Altavantgardisten. Boulez ist mit Répons (1981) vertreten, einem Meilenstein der Musik mit Computer, während Luciano Berios Sammlung der Solostücke Sequenza I-XIII (1958-1995) zum Inbegriff neuer Virtuosität wurden und Kagels Musik für Renaissanceinstrumente (1966) noch dessen origineller Phase entstammt. Allesamt sind sie Wiederveröffentlichungen alter DG-Produktionen. Aber die neuen Programme werfen Fragen auf. Wie paßt Toru Takemitsu, dessen Spätwerk so süffig ist wie Champagner und Austern, in diese Reihe? Oder André Previn, den man als Dirigenten und Filmkomponisten gelten lassen mag, dessen im vergangenen Jahr uraufgeführte Oper A Streetcar Named Desire aber hemmungslos in Geist, Klangsprache und Haltung dem 19. Jahrhundert angehört und, laut Pressetext, "in der Schönheit der menschlichen Stimme schwelgt"? Wozu noch eine weitere - die wievielte? - Einspielung von Fratres des Bestsellerkomponisten Arvo Pärt? Und sind Henzes überarbeitete Funkopern wirklich Wegweiser ins nächste Jahrtausend?

Aber vielleicht ist es ein Mißverständnis zu glauben, die Reihe 20/21 wolle eine Übersicht der musikalischen Innovationen geben. Vielmehr scheint es sich um eine Auslese dessen zu handeln, was dem Brahms- oder Debussy-Liebhaber gerade noch zugemutet werden kann. Oder, anders gesagt: was auf dem Markt wenigstens ein klein wenig Rendite abzuwerfen verspricht.

So gesehen, ist der zurückblickende Janus einäugig und der nach vorne schauende blind.