Der objektive Kritiker ist dadurch unbestechlich, daß er sich nicht beeinflussen läßt, am allerwenigsten von seinem Gegenstand. Ein wahrhaft objektives Urteil kommt nur durch vollkommene Unkenntnis der Sache zustande. Diese Maxime gilt allgemein, und ich hätte es eigentlich nicht nötig, sie extra zu erwähnen, wenn ich im folgenden ein Buch bespreche, das ich gar nicht ganz gelesen habe. Allerdings rührt meine partielle Unkenntnis aus der Sache selbst, nämlich aus dem besonderen Buch, das bei dtv erschienen ist und Wörterbuch Synonyme heißt. Ich frage: Wer liest schon ein Wörterbuch ganz?

Immerhin lese ich Wörterbücher teilweise, das heißt, ich schlage in ihnen nicht bloß nach. Das wäre mir - wie das Wort "nachschlagen" es ja sagt - zu grob. Sehr elegant ist das Äußerliche dieses Wörterbuchs, das Umschlagkonzept stammt von Balk & Brumshagen, den großen Meistern der Taschenbuchgestaltung. Zur Beschreibung der Umschlagseleganz steht dem Rezensenten das Klischee "von schnörkelloser Sachlichkeit" zur Verfügung, und weil es selbstverständlich nicht auf das Design, sondern auf die Inhalte ankommt, sehe ich gleich nach, ob "schnörkellos" auch im Wörterbuch vorkommt. Ich glaube es nicht, denn "schnörkellos" ist in der Tat ein Wort, das man auslassen kann. Was finde ich aber? "Schnörkellos" und sein Synonym: "schlicht".

Die Benutzeranleitung der Herausgeber Herbert Görner und Günter Kempcke führt auch in die Philosophie der Synonyme ein: "Synonyme sind Wörter und Wendungen, die hinsichtlich ihrer Bedeutungsmerkmale weitgehend übereinstimmen und deshalb in der Regel im Text austauschbar sind. Doch ist mit der inhaltlichen Übereinstimmung nicht generell die Austauschbarkeit gewährleistet. Wörter gehen unterschiedlich typische Konstellationen mit anderen Wörtern ein, und erst der Kontext zeigt, ob ein Ausdruck durch einen anderen ersetzt werden kann, ohne daß der Sinnzusammenhang gestört wird."

Eine Urszene dafür findet sich bei Goethe. Sie zeigt, daß die Wortwahl, das Ersetzen der Wörter beim Übersetzen, ins Transzendente reichen kann. Erst durchs richtige Wort erfahren wir die Absichten Gottes, erkennen wir, was die Welt im Innersten zusammenhält. Faust übersetzt das Wort der Bibel: "Im Anfang war das Wort", indem er "Wort" zunächst durch "Sinn" ersetzt, dann den "Sinn" durch "Kraft", woran ihn immer noch etwas stört, bis er schließlich ausruft: "Mir hilft der Geist! auf einmal seh' ich Rat / Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!"

Das Leben der Sprache hat mit der Austauschbarkeit der Wörter zu tun. Die Klassifikationen, die Görner und Kempcke zur Orientierung in ihrem Wörterbuch treffen, die Gliederungsprinzipien ihrer Stichworte, erzählen, wenngleich sehr zurückhaltend, von diesem Leben. Unter "leben" findet sich übrigens die ultimative Ratio jeder Lebensphilosophie. Für "leben" steht in erster Linie: "nicht gestorben sein".

In der lebendigen Sprache verfertigt man seine Wörter zumeist unmittelbar, das heißt, es gibt einen Redefluß, dessen Zustandekommen man nicht bewußt kontrolliert. Aber gar nicht selten gerät dieser Fluß ins Stocken: "Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort?" Oft kann man sich - wie Faust - selber helfen, man sinnt nach und findet das richtige Wort; es lag einem zusammen mit dem falschen eh schon auf der Zunge. Manchmal aber bleibt nur das Wörterbuch: Wörterbücher sind denkwürdige Hilfen, denn sie zeigen, daß man die Unmittelbarkeit des Sprechens zum Teil in Wörterbücher übersetzen, also fast "mechanisch" aufschlüsseln kann.

Was ist überhaupt ein Wort? Mein Synonymenwörterbuch verfährt nicht rein "kumulativ", sondern auch "distinktiv", das heißt: Es beschreibt mit einer Bedeutungsangabe ebenso die "inhaltlichen Bedingungen der Austauschbarkeit der Wörter im Kontext". Für "Wort" wird die Bedeutung "kleinste selbständige Einheit in einem Satz" angegeben. Aus Deutsche Grammatik von Ulrich Engel weiß ich, daß das so sicher nicht ist: Alle Definitionsversuche des Wortes "Wort" führen in Widersprüche. Resignierend könnte man zum Beispiel sagen, unter "Wort" sei alles zu verstehen, was im Schriftbild von seiner Umgebung getrennt erscheint. "Aber dies hieße", sagt Engel, "sich völlig den Willkürlichkeiten der deutschen Orthographie ausliefern", und das wollen wir nun gar nicht!