Der tonnenschwere Kronleuchter kracht vielleicht noch lange nicht herab. Er hängt, ein aberwitziges Fixsternsystem aus Operettengalaxien des abgewickelten Jahrhunderts, vor der im ersten Rang gelegenen Staatsratsloge mit Exklusivklo und Ruheraum, zu der man als Staatsrat gelangt oder als zahlender VIP. Eine Woche würde es dauern, die Kristalle des gigantischen Leuchtkörpers zu putzen, der so groß ist wie zwei Telefonzellen. Mittlerweile bleibt er, selbst wenn Gastspiele in dem geschlossenen Musiktheater stattfinden, dunkel. Gleichwohl schützt ein Netz unterm Firmament die Zuschauer vor Sternschlag - als sei dem Naturgesetz, den Umlaufbahnen, der ganzen Milchstraße der Subventionskultur nicht mehr zu trauen.

So spätromantisch kann eine Beerdigung sein

Die letzte Ensemble-Vorstellung des Metropol-Theaters an der Berliner Friedrichstraße hieß Land des Lächelns. Heute, anderthalb Jahre später, präsentiert sich das heitere Reich der Operette (hier im ehemaligen Admiralspalast seit DDR-Zeiten gehegt als anachronistisches Pflegeobjekt staatlicher Populärkultur) dem Besucher ausgestorben. Schockgefroren. Er tritt ein über den mit Kunstrasen gedeckten Innenhof, durchwandelt auf grauem Schonläufer die Gänge der verstaubten Gemütlichkeit. Abenteuerliche Verwahrlosung dagegen herrscht in den Kellerräumen unterm Kunstrasen. Eine am langen Kabel herangeführte Leuchte enthüllt das morsche Geheimnis des 1880 als Bad in Betrieb genommenen, 1911 zur Eisrevue umgebauten, von 1930 an als Revuetheater genutzten Gebäudes: neben dem brummenden Lüftungsrohr ein monumentaler rostiger Wassertank, vorn die vorsintflutliche Kältemaschine der Eisbahn, im Boden Pfützen frischen Sickerwassers. Temperaturschwankungen anno dazumal haben die Eisenträger der Decke marode werden lassen. 150 Millionen dürfte die Komplettsanierung kosten, was auf den oberen Stockwerken weniger ins Auge sticht. Dort liegen Verwaltungsbüros mit Pfeife und Pausenbrot, wie sie von den Angestellten vor dem D-Day verlassen wurden. Über dem beige gepolsterten Café-Mobiliar im Oberen Foyer: das Flair einer Vorstadtkonditorei. Im Zuschauerraum: 1400 rote Polster, goldgipserne Mythen-Reliefs an den Balkonen. Neben dem Inspizientenpult auf Zeitungsausschnitten die Überschriften kollektivistischer Corporate identity: "Ich freue mich auf jede Vorstellung hier."

Als dritte große Berliner Bühne seit der Wende ist das Metropol-Theater 1997 geschlossen worden. Vier Jahre zuvor hatte der zweite Fall, das Schiller-Theater im Westen der Stadt, so viel Ärger gemacht, daß der Senat sich danach zum raffinierten Abwickler mauserte: Vor dem Untergang wurde das Operettenhaus privatisiert; seine entlassene Belegschaft sollte, als dem Gesellschafter René Kollo die Subvention nicht mehr reichte, keine Ansprüche an das Land Berlin anmelden können (eine Rechnung, die nicht aufging). Jetzt wird die Bühne, bis zur Neueröffnung durch den zu findenden Idealkäufer, sporadisch vermietet. Yesterday heißt, programmatisch, die aktuell gastierende Oldie-Revue aus Hamburg, dekoriert mit popeligen Poprequisiten: Plastiklippen, Roboter, Silbersessel. Abends versammeln sich dafür manchmal nur 50 zahlende Gäste. Draußen indes, auf Schaukastenfotos, plüscht der Glamour noch prachtvoll intakt: was potentielle Investoren wohl weniger überzeugt als das Potential des Gesamtkomplexes aus besten Filet-Parzellen. Auf dem Nachbargrundstück leuchten Graffiti über die ganze Brandmauer, am Garagenschuppen lehnen altmodische Werbetafeln für Fledermaus und Zigeunerbaron, aus dem Winterdunst blinkt wie von weitem der nahe Fernsehturm. Öffentlicher Abraum: Das leere Theater, ein Planet der Stagnation und morbider Phantasie, provoziert die gehetzt sich wandelnde Stadt, doch sie merkt es nicht.

Eigentlich ist die leere Bühne ein Landeplatz der Inspiration, das unbesetzte Auditorium ein Ort Erwartung. Der unbewohnte, abgeschriebene Musentempel aber wird zum Container der Untoten, zur Projektionsfläche jener Zwangsvorstellungen, mit denen der Kulturpolitiker Karl Valentin einst das Auslastungsproblem über die allgemeine Publikumsrekrutierung, per Ukas, lösen wollte. Die drei ausrangierten Berliner Theater dürfen, da denkmalsgeschützt, nicht abgerissen werden: wie die ästhetisch achtbaren Wallfahrtsorte einer überholten Religion. Als erstes großes Theater war 1992 die kriselnde Freie Volksbühne in Ku'damm-Nähe zum Bauernopfer der Rotstift-Exekutoren erkoren worden. Spiel auf Zeit hieß damals die letzte Vorstellung. Man versammelte sich zum finalen Abendmahl auf der Bühne, schwieg und mampfte den Leuten sarkastisch eins vor. Kulissen alter Tage schwebten auf und nieder, das Hinterbühnen-Skelett lag bloß, die Leuchtschrift "Theater" verglomm. Dazu aus Mozarts Requiem Et lux perpetua und der Walzer aus dem Rosenkavalier. So spätromantisch kann eine Beerdigung sein.

Beim Exitus des Schiller-Theaters, zwei Jahre später, war die Romantik passé; als das wütende Ensemble den Kultursenator notbeleuchtet im Dunkel sitzenließ; als unter der Parole "Es lebe das Theater der großen Koalition" der Bau an der Bismarckstraße schwarz verhüllt wurde. Heute steht dort, neben der Subventionsruine, immer noch herausfordernd das Haus der Wirtschaft, gegenüber kam ein Sex-Shop dazu - nicht unpassend zum Auftritt der California Dream Men, die der letzte Schiller-Mieter Wolfgang Boksch hatte strippen lassen, bevor er dem Senat fristlos kündigte. Das sachlich auftrumpfende Fünfziger-Jahre-Gebäude des bildungsbürgerlichen Westberliner Neuanfangs: nunmehr ein kahler Unort ohne Widmung. Parkplätze am Bühneneingang: herrlich trostlos autofrei. 1100 rotgepolsterte Plätze im Zuschauerraum. Wechselnde Hausherren haben, ihren Vertrag ignorierend, lediglich in Büroumbauten investiert. Das obere Foyer allerdings schlummert wie ein nobler Repräsentationstraum der fifties: elegant geschwungene Polsterbänke, Säulen, Mosaike, farbige Fenstermuster. Doch der Teppich schmuddelt. Als Gegenstück zur Staatsratsloge an der Friedrichstraße gibt es hier das Heuss-Zimmer: Auslegeware beige, Ledersessel dunkelgrün, Spiegelsäulen. Die präsidiale Messingschrift auf der Tür wurde geklaut, wie jener Top-Flügel, der sich eines Tages in ein Billigklavier verwandelt hatte; keine Kulturrevolution ohne Plünderung. Was vom Fundus übrigblieb, lagert im Keller. Das Maxim Gorki Theater, auf dem Hof mit seinen Werkstätten präsent, übernahm den Restbestand. Noch birgt das unterirdische Magazin Regale mit Tausenden von Kleidern, Hosen, Schuhen, Jacken, Hüten, Helmen, Filzstiefeln und eine Wand voller Zaumzeug, akribisch katalogisiert. Es riecht nach Leder und alter Luft, wie im Kostümschranklabyrinth eines monströsen Dornröschenpalastes.

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