Vor ein paar Monaten hätte sich Jürgen Trittin nicht träumen lassen, daß er einmal zwei Atomkraftwerke finanzieren würde. Und doch wird der Atomkraftgegner im Bundesumweltministerium wohl zustimmen, daß deutsches Steuergeld in zwei große Druckwasserreaktoren fließt. Allerdings sollen die Kernkraftwerke nicht hierzulande, sondern in der Ukraine gebaut werden. Dort ersetzen sie angeblich den letzten laufenden Reaktorblock im Katastrophenkraftwerk von Tschernobyl.

Im Herzen hält Trittin nichts von den neuen Meilern. Denn auch nach deren Fertigstellung besteht in der Ukraine nicht die Rechtspflicht, Block 3 in Tschernobyl vom Netz zu nehmen. Und bei der derzeitigen Wirtschaftskrise braucht die ehemalige Sowjetrepublik alles andere als neue Kraftwerkskapazitäten. Doch der Minister wird sich wohl nicht trauen, in der Runde der G-7-Staaten gegen die Milliardenkredite zu stimmen.

Frankreich habe großes Interesse an der Fertigstellung der beiden Reaktorblöcke in Rowno und Chmelnizkij, weil dort ein französischer Anlagenbauer beteiligt sei, heißt es im verunsicherten Umweltministerium. Nachdem im Januar die Atomlobby in Bonn, Paris und London Trittin als deutschen Herrenmenschen abstempelte, weil er die Wiederaufarbeitung unterbinden wollte, geht der Umweltminister jedem Ärger mit den europäischen Partnern aus dem Weg. "Im Alleingang kann Deutschland da nicht raus", sagt Trittins Sprecher Martin Waldmann.

Der Preis dafür ist hoch. Die deutschen Steuerzahler werden für Kredite von rund einer halben Milliarde Mark an die Ukraine geradestehen müssen. Denn die staatliche Atomagentur Energoatom wird niemals genug einnehmen können, um die Schulden zurückzuzahlen: 91 Prozent der Stromrechnungen werden in der Ukraine gar nicht oder nur mit Tauschgeschäften bezahlt. Der säumigste Stromverbraucher ist die Regierung in Kiew selbst.

Gemäß einem vertraulichen Gutachten der Europäischen Investitionsbank (EIB) gibt es keine "eindeutige wirtschaftliche Rechtfertigung" für das über drei Milliarden Mark teure Projekt. Entscheidend für die Rückzahlung der Kredite wären durchgreifende Reformen in Richtung Marktwirtschaft. Doch die sind nicht in Sicht. Die Stromrechnungen müßten auf ein kostendeckendes Niveau steigen und auch bezahlt werden.

Zwar gibt es laut EIB-Gutachten gelegentlich Strommangel in der Ukraine. Doch das liegt nicht an fehlenden Kraftwerken, sondern daran, daß diese ihren Brennstoff nicht bezahlen können. Einer betriebsbereiten installierten Leistung von 46 Gigawatt stand 1996 ein Spitzenverbrauch von 29 Gigawatt gegenüber. Was die Ukraine da mit zwei weiteren Reaktoren soll, vermag deshalb auch die Bundesregierung nicht zu sagen. Fest steht nur, daß neben den Franzosen auch der deutsche Atomkraftwerksbauer Siemens schon einen Auftrag für Rowno hat und sich in Chmelnizkij darum bewirbt.

Die Entscheidung über die Finanzierung fällt im Direktorium der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, das möglicherweise schon Ende März einen ersten Kredit von 320 Millionen Mark bereitstellen wird. "Als größter Kreditgeber und derzeitiger Vorsitzender der G-7-Gruppe hat Deutschland dort die entscheidende Stimme", sagt Corine Veithen von der österreichischen Umweltorganisation Global 2000, "dabei sollte die Bundesregierung die Situation in der Ukraine bedenken: Das Projekt wäre eine schwere Hypothek für die Zukunft des armen Landes."