Gestraft mit diesem Namen, den er nur bekommen hat, weil seine Mutter gebürtige Französin ist. Was hat er gelitten: Claude-Oliver! Verdammt, so heißt man nicht, wenn man in Bochum lebt. Reiche Schnösel sollen Claude-Oliver heißen, aber nicht einer wie er, der so tief den Ruhrmenschen in sich spürt. Als Proletarier heißt man meinetwegen "Günter" oder besser noch "Heinz" oder "Herbert, wie Grönemeyer", das wäre in Ordnung gegangen, aber Claude? "Zum Kotzen!"

Aber das war noch nicht alles, was ihn damals niederdrückte. Als er endlich fünf war oder sechs, zählte er zu den schwächsten von all den Jungs, die auf der Bochumer Straße Fußball spielten. Immer als letzter in die Mannschaft gewählt, dieser Claude, der nicht schwarzhaarig war wie ein Franzose, sondern blond und außerdem auch ständig blaß.

Mal die Lunge, mal die Bronchien, weshalb ihn die Eltern zur Erholung von Bochum an die Nordsee schickten. Immer wieder weg nach Spiekeroog, bis sich Claude-Oliver Rudolph entschied, nie wieder schwach zu sein. Mit Judo fing es an.

Grüner Gürtel, blauer Gürtel, schließlich der schwarze des Meisters. "Das war einfach geil", zum erstenmal das Gefühl, selber noch zu stehen, wenn andere bereits am Boden lagen. So ist es geblieben, der Wunsch nach Kraft und Stärke zog sich durch sein ganzes Leben.

Saarbrücken, Restaurant Michelangelo. Es kommt häufiger vor, daß Claude-Oliver Rudolph die Nächte, die nicht bis ins letzte zu planen sind, bei diesem Italiener beginnen läßt. Mit seiner Frau, der Schauspielerin Sabine von Maydell, und den beiden Kindern Oona-Lea und Davide-Lino wohnt der 42 Jahre alte Schauspieler ein paar Kilometer jenseits der deutschfranzösischen Grenze. Die kurze Distanz bewältigt er mit einem Porsche, der auf Breiträdern rollt und nach Angaben Rudolphs mühelos "303 Stundenkilometer geht".

Wie es seine Art ist, parkt Claude-Oliver Rudolph den erhitzten Boliden unmittelbar neben der Eingangstür des Lokals. Kurz darauf ist auf den Treppenstufen das Klacken seiner schwarzen Stiefel zu hören, dann gehört das Michelangelo nur noch ihm.

Köpfe fahren herum, Gespräche verstummen. So muß es sein, wenn man nicht aufpaßt und Saarbrücken unter die Räuber fällt, wenn am Ende nur noch Zuhälter und Mörder das Sagen haben: Denn zum braunen Kamelhaarmantel trägt Claude-Oliver Rudolph jetzt eine schwarze Sonnenbrille. Die vom Leben gezeichneten Gesichtszüge erlauben sich keine Regung. Und wenn, dann signalisieren sie allenfalls den einen leisen Wunsch: Gott, gib mir endlich Feinde!