Gary Paulsen ist beunruhigt, fast ein wenig erschrocken, als er abends wieder am heimischen Herd steht: "Sie werden nicht müde. Sie machen einfach nicht schlapp. Hundertzehn Kilometer in einem Rutsch." Seine Schlittenhunde haben sich verändert, sind in eine "Art zweite Phase" getreten: "Irgendwie sind sie wild geworden. Ich kenne sie einfach nicht mehr."

Er hat es so gewollt. Gary Paulsen will mit seinem Gespann das Iditarod fahren, das härteste Hundeschlittenrennen der Welt. Knapp 2000 Kilometer quer durch Alaska, von Anchorage über die Alaska-Kette mit dem Mount McKinley durchs Yukon-Tal bis nach Nome an der Beringsee. Seit Monaten trainiert er mit den Tieren - oder eher: sie mit ihm. Anfangs kommt er gar nicht erst heil vom Hof, dann fleddern sie ihn durch den Wald. Ein Kaninchen am Wegesrand, schon brechen sie aus, der Schlitten kippt, und Herrchen schleift hilflos an der Leine, knallt gegen Bäume und Fels. Obendrein noch der Spott seiner Frau: "Du siehst aus wie ein Spielzeug, wie ein großes Hundespielzeug." Etwas ruhiger läuft es erst, als Paulsen sich einen alten Ford vom Schrottplatz holt und seine 15 Hundestärken davorspannt. Endlich ein ernsthaftes Gewicht für die zughungrige Meute: "Große, gräuliche, gelbäugige Fleischfresser, die nur eines wollten: ziehen und fressen." Doch irgendwas kommt immer dazwischen und bringt die Hunde aus der Spur: ein Elch, eine Hirschkuh, ein Bär oder ein Stinktier.

Gary Paulsens Buch ist wie seine Hunde: von unbändiger Zugkraft. Er macht uns detailversessen, wir werden Hundenarren und passionierte Naturbeobachter, teilen seine Besessenheit. Paulsens zugreifende Lakonie, herausragend in seinen Jugenderzählungen Das Camp und Im Winterzimmer, ist um eine Nuance der Selbstironie reicher geworden. Scheinbar mühelos gelingt es ihm, im zentralbeheizten Leser die Ahnung zu wecken, welche Gefahren, Tücken und Beklemmungen dieses Land bereithält. Und welche Wunder: Büffel, die auf dem Eis tanzen. Paulsen wird unser Spion in der Kälte, der Mann, der mit seinen Hunden in eisige Weiten zieht.

"Was sind Sauglöcher?" Neuling Paulsen fragt eben mal nach. Man dreht sich um und schaut sich das Greenhorn an. Geduldige Antwort: Sauglöcher sind gefrorene Strudel. Manche sind groß genug, um ein ganzes Gespann unters Eis ins Wasser zu ziehen. Am Start wird gemunkelt, daß der Kerl die Ziellinie in Nome nie und nimmer erreichen wird. Doch, er wird. Getreu der Devise, die ihm ein erfahrener Musher mit auf den Weg gegeben hat: "Du mußt tanzen, auch wenn die Musik schlecht ist." Und bisweilen ist sie geradezu schrill.

Die Grundregel des Iditarod lautet: Es kommt immer noch schlimmer. Das Landesinnere Alaskas: "Es war wie ein anderer Planet, als wäre man plötzlich auf den Mond oder Mars verpflanzt." Die Fahrt durchs Yukon-Tal, die Kälteader des Iditarod, bis zu 60 Grad minus, ein Eisschlag ins Gesicht: "Dann wurde es dunkel, und die Welt ging unter." Streichhölzer zünden nicht mehr, Batterien, selbst unter der Kleidung, versagen. Wenn die Sonne wieder aufgeht, ist Gary "dankbar bis ins Herz". Nach 17 Tagen erreicht er das Ziel, "bar jeder Denkfähigkeit", "mit gefrorener Spucke im Bart und erfrorenen Wangen und zwei schwarzen Zehen".

Gary Paulsen:

Iditarod