Mit John Maynard Keynes' General Theory verhält es sich wie mit der Bibel. Man kann das Hauptwerk des britischen Vordenkers so verstehen oder anders, je nachdem, woran man glauben will. Was im Neuen Testament die unbefleckte Empfängnis, ist bei ihm die Beziehung zwischen Lohnsatz und Arbeitslosigkeit. Manche Keynes-Jünger sagen, ihrem Meister zufolge sorge nur eine Lohnerhöhung dafür, daß Arbeitslose Arbeit finden. Andere sind überzeugt, nach Keynes sei es gerade eine Lohnsenkung, die diesen Effekt hätte. Erstere nennen sich Postkeynesianer, letztere Neukeynesianer, aber in einem sind sich beide einig: Keynes hatte recht!

Das sagt auch Volker Hallwirth. Der Referent im Bonner Wirtschaftsministerium gehört zu den Lohnsenkern. Er schreibt, ohne die damals so moderate Lohnpolitik hätte es in den sechziger Jahren keine Vollbeschäftigung gegeben. Auch heute müsse der Nominallohnanstieg hinter dem Produktivitätszuwachs zurückbleiben - sonst fehle den Unternehmen der Anreiz, wieder mehr Arbeitskräfte einzustellen.

Hallwirth will aber nicht nur den - an der Produktivität gemessenen - Lohn verringern, sondern auch die Geldmenge erhöhen. Denn das reduziere die Zinsen, steigere die Investitionen, schaffe somit neue Nachfrage und damit ebenfalls den Anreiz, den Arbeitslosen Arbeit zu geben - und zwar allen.

30 Jahre lang hat niemand das Problem wachsender Arbeitslosigkeit lösen können. Dabei lasse es sich beseitigen, indem man nur ein wenig am Lohn schraubt und ein bißchen an der Geldmenge dreht, mehr brauche es dazu gar nicht. Sagt Hallwirth.

Hat er recht? Nur wenn sich eine Volkswirtschaft tatsächlich tunen läßt wie ein Mopedmotor. Hat John Maynard Keynes das gemeint, was Hallwirth schreibt? Kommt darauf an, wie man die General Theory liest.

Volker Hallwirth: Und Keynes hatte doch recht - Eine neue Politik für Vollbeschäftigung Campus Verlag, Frankfurt/New York 1998; 243 S., 48,- DM