In der Debatte über den literarischen Kanon (ZEIT Nr.9/99) ist ein äußerst dringliches Problem bisher völlig übersehen worden. Wenn demnächst die Bundeswehr in einen out of area-Kampfeinsatz ziehen sollte, braucht der deutsche Soldat seine eiserne Ration Literatur im Tornister.

Im Ersten Weltkrieg zog man, ganz klassischromantisch, mit Hölderlin ins Feld, im Zweiten, ganz barbarisch-vitalistisch, mit Ernst Jünger. Aber heute? Was soll der demokratische, bündnisintegrierte, humanitäre Bürgersoldat in kontemplativen Momenten während der Kampfpausen im Schützengraben lesen? Um bei unseren Partnern und Freunden keinerlei Verdacht auf rückwärtsgewandte Hintergedanken aufkommen zu lassen, muß es auf jeden Fall zeitgenössisch-klassische Literatur der Nachkriegsepoche sein. Aber was? Günter Grass etwa? Nein, seine Romane sind fürs Marschgepäck viel zu dick und schwer. Handke? Scheidet zumindest im Kosovo-Einsatz wegen Serbenfreundlichkeit aus. Womöglich Botho Strauß? Das hätte noch gefehlt. Schließlich sollen die deutschen Soldaten ja Blutopfer verhindern, nicht sie unter Bocksgesängen zelebrieren.

Die Antwort liegt in diesem Falle auf der Hand. Kein zeitgenössischer Autor verbindet besser hohe Verskunst ("Anspruchsvolle Sprache fördert anspruchsvolles Denken", mahnt der Bundespräsident) mit völlig unkriegerischer Leichtigkeit als Robert Gernhardt. Und wenn schon Deutsche wieder in den Krieg ziehen müssen, kommt alles auf die ironische Brechung an, um zu zeigen, daß wir lockere Gesellen geworden sind und der Welt nichts Böses mehr wollen. Schließlich wird die Bundeswehreinsätze ja Joschka Fischer zu verantworten haben. Und dessen geistige und rhetorische Prägung durch die Neue Frankfurter Schule muß als einschlägig gelten. Andererseits ist Gernhardt in letzter Zeit zum Glück ein bißchen weniger ausgelassen geworden und wird neuerdings als echter Dichter ernst genommen. Wie Joschka, der Sorgenfaltenzerfurchte, als echter Politiker.

Ein bißchen Nachdenklichkeit tut schon not. Denn gute Laune im Feld soll zwar sein, aber bei früheren Werken Gernhardts wie Die Blusen des Bösen oder Die Wahrheit über Arnold Hau bestünde die akute Gefahr, daß sich die Truppe bei der Lektüre kampfunfähig lacht. Gegebenenfalls könnte man freilich diese Geheimwaffe als unblutiges Mittel zur Ruhigstellung des Gegners einsetzen.

Also: Außenminister Fischer, beauftragen Sie! Deutscher Dichter, reimen Sie! Kanonen mit Kanon! Gernhardt in den Tornister!