die zeit: Pol Pot ist tot, seine ehemaligen Genossen sind militärisch besiegt und im Greisenalter. Warum wird die Forderung nach einem Tribunal gegen die Verantwortlichen des Genozids in Kambodscha erst jetzt, 20 Jahre danach, laut?

Oskar Weggel: Weil man niemanden bestrafen kann, solange man ihn nicht hat. Erst im Dezember vergangenen Jahres haben sich ja die letzten großen Führer der Roten Khmer, Khieu Samphan und Nuon Chea, geschlagen gegeben. Ieng Sary, Pol Pots Außenminister, war schon im August 1997 auf die Seite der Regierung übergelaufen. Die Bewegung der Roten Khmer ist also am Ende. Jetzt hätte man die ganz Großen für die Anklagebank. Doch die Initiative für ein solches Tribunal kommt bezeichnenderweise von außen. Es ist kein Anliegen der Kambodschaner selbst. Das hat vor allem mit deren Religion zu tun. Für Rache und Vergeltung ist in der kambodschanischen Tradition - und zwar sowohl von buddhistischer wie von animistischer Seite her - kein Platz.

zeit: Für die Befürworter eines Tribunals geht es aber nicht um Rache, sondern um Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die geahndet werden müssen. Und um eine Kultur der Straflosigkeit, die bekämpft werden muß ...

Weggel: Das ist richtig. Aber ich versuche, aus Sicht der Kambodschaner zu argumentieren. Von denen hat fast jeder zwei oder drei Familienmitglieder verloren. Aus dem Blickfeld dieser Menschen waren die Verbrechen des Pol-Pot-Regimes nicht nur in ihrem Ausmaß, sondern auch in ihrer Denkrichtung etwas Ungeheuerliches - oder sagen wir es ruhig in animistischer Sprache: etwas Dämonisches. Da haben Pol-Potisten marxistische Kategorien, die sie an westlichen Schulen erlernt hatten, in pervertierter Form diesem Siebenmillionenvolk übergestülpt. Ein Begriff wie zum Beispiel Klassenkampf ist in einer Gesellschaft wie der kambodschanischen, wo Harmonie in jeder Lebenssituation Vorfahrt hat, etwas Unbegreifliches und der damit einhergehende Massenmord eben etwas wirklich Dämonisches. Ein Prozeß gegen die Verantwortlichen des Völkermords würde für den Durchschnittskambodschaner ein Aufwühlen der Ängste, der Emotionen, würde neue Unruhe bedeuten.

zeit: Wenn es nun aber zum Tribunal kommt, wer hätte in Ihren Augen die moralische Integrität, als Ankläger aufzutreten?

Weggel: Da sind wir beim nächsten Problem. Die westliche Welt - auch die Bundesrepublik - hat die Roten Khmer nach ihrem Sturz durch vietnamesische Militärs weiter als legitime Regierung Kambodschas anerkannt. Sie hat alles getan, um zu verhindern, daß die neue Regierung in Phnom Penh international auch nur einen Fuß in die Tür bekam - allein aus dem Grund, weil sie von Vietnam und der Sowjetunion abhängig war. Und nun kommt der Westen daher, und sagt: Was interessiert mich mein Verhalten von gestern? Jetzt geht es mir um Gerechtigkeit und Menschenrechte. Der Westen verhält sich völlig unlogisch - um nicht zu sagen: lächerlich.

zeit: Was müßte der Westen denn tun?