Da sitzt er nun: ein Mann in mittleren Jahren, in steifer Haltung auf einem gepolsterten Stuhl, das bleiche Gesicht vom schwarzen Bart halb überwuchert, die dunklen Augen tiefliegend und eigentümlich trübe ins Ungewisse, Ferne blickend. Die rechte Hand des Mannes liegt auf seinem übergeschlagenen Bein, die linke hält - wie anstrengend muß das gewesen sein! - ein großes, gebundenes Buch für die Ewigkeit geöffnet dem Betrachter hin. Émile Zola, erst 27 Jahre alt, posierte 1868 für Edouard Manet - derzeit in Basel zu sehen, in der Reihe A Guest of Honour, angereichert mit Werken von Monet, Cézanne, natürlich Manet und anderen Zeitgenossen.

Die Konstellation ist das Interessante: Der schon erfolgreiche Zola, Autor und Programmatiker des Naturalismus, hatte sich selbstlos und nicht ohne persönliche Unkosten (er wurde als Kunstkritiker der Zeitung L'Evénement entlassen) für den Maler der Olympia eingesetzt, des Frühstücks im Freien und des Absinthtrinkers. "Der Bildschirm des Realisten", schrieb er über sein eigenes Werk, "ist eine einfache Fensterscheibe - eine sehr dünne und völlig klare Scheibe, die sich anheischig macht, so vollkommen durchsichtig zu sein, daß die Erscheinungen sie durchdringen und sich auf ihr in voller Realität abzeichnen." Und so hatten die restlose Nacktheit der Olympia, der Naturzustand des Weiblichen beim Frühstück - umgeben von Bourgeois mit weißen Krägen - und die brutale Kennzeichnung des Alkoholismus die Bürger von Paris gegen Manet in einer Weise aufgebracht, die seine Seriosität, seine Wertschätzung der Genauigkeit und sein solides Arbeitsethos tief kränkten. "Ich würde Sie gerne hier sehen, mein lieber Baudelaire", heißt es nach einer weiteren Zurückweisung aus dem Salon, "die Beleidigungen regnen auf mich wie Hagel, ich habe einen solchen Empfang noch nie erlebt."

Es war nicht nur die dünne Scheibe, es war die Subjektivität des Arrangements - Realismus plus Anmaßung der Persönlichkeit! -, die chancenlos war im restaurativen Frankreich. Die Jury des Salons, kritisierte Zola, will "reinen Tisch machen und hat alle Realisten vor die Tür gesetzt, Leute, die beschuldigt werden, sich nicht die Hände zu waschen ... alles wird sauber und hell sein wie ein Spiegel: Man wird sich in den Gemälden frisieren können. Für mich - für viele Menschen, will ich hoffen - ist ein Kunstwerk hingegen eine Persönlichkeit, eine Individualität."

Was waren das noch für Zeiten, da ein Skandal entstand, ohne gewollt, gesucht und geplant zu sein! Wer die kleine Sonderausstellung in Basel besucht, sieht Porträts diverser Männerköpfe der Epoche, die auf lustige Weise einander ähnlich sind: Cézanne, Zola, Manet, Courbet, Gaultier (etwas längeres Haar), er sieht den Bürger Zola inmitten seines zudekorierten Arbeitszimmers - einer Gruft des Erhabenen und des Kuriosen -, er nimmt teil an einer Auseinandersetzung, die historisch ist im Detail und in der rührenden, tiefernsten Schlichtheit ihres Stils, aber thematisch zeitlos: Was soll und d arf die Kunst?