Einen raffinierten Lebensstil hat Michel Houellebecq nicht. Zum Aperitif gibt es Schmelzkäseecken, hinterher Sardinen aus der Büchse. Houellebecq raucht und trinkt viel. Das Bier kleckert auf sein Hemd, die Asche fällt hinterher. Dazwischen kommandiert er seine Frau herum. In den vergangenen Monaten hat er sich mit Dutzenden wildfremder Menschen getroffen. Mancher war hinterher völlig perplex.

Der 40jährige Michel Houellebecq ist eine literarische Zeiterscheinung, Schriftsteller und ästhetisches Medienereignis zugleich. Vor ein paar Monaten hat er seinen zweiten Roman veröffentlicht: Les particules élémentaires, auf deutsch: Die Elementarteilchen. Das Buch hat keinen der großen französischen Literaturpreise erhalten, dafür einen kleinen Skandal und die erste literarische Debatte seit Jahren ausgelöst: Ist es ein Zeichen rechtsextremistischer Gesinnung, wenn die Permissivität der 68er-Generation im Westen Seelenkrüppel gebiert und schließlich zum Verschwinden der geschlechtlich differenzierten Menschheit führt? Die Auflage liegt inzwischen bei 280 000 Stück.

Houellebecq schildert das Verschwinden der geschlechtlich differenzierten Menschheit. Durch eine Genmanipulation entsteht eine neue, glückliche Wesensart, erlöst von den Qualen der Sexualität. Das einzige, das vor den Augen des Autors Bestand hat, ist die Wissenschaft. Die Erlösung durch eine neue "Rasse" rückt den Vorwurf rechtsextremistischer Gesinnung in jedermanns Reichweite. Wenn er dann noch über die beeindruckenden Geschlechtsteile von Schwarzen fabuliert, macht er es seinen Kritikern leicht, ihn zu einem neuen Céline zu erklären. Houellebecqs Verteidiger hingegen begreifen die umstrittenen Passagen als metaphysisch. Die Vorwürfe der Kritiker erklären sie mit dem obsessiven Antifaschismus einer Gesellschaft, die seit fünfzehn Jahren mit dem Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen lebt. Über ihre eigene Hilflosigkeit angesichts des real existierenden Rechtsradikalismus habe sie das künstlerische Urteilsvermögen verloren. Die Redaktion der Literaturzeitschrift Perpendiculaires, zu der Houellebecq bislang gehört hat, überwarf sich jedenfalls mit ihm und setzte ihn nach einem letzten, publizierten Gespräch vor die Tür. Anschließend verlor die Zeitschrift dann allerdings ihren Verlag, Flammarion - der hat nämlich auch den Erfolgsautor Houellebecq unter Vertrag.

Parallel zum Buchgeschäft lief ein Medienspektakel sondergleichen. Houellebecq trat in den Kulturmagazinen sämtlicher französischer Fernsehkanäle auf, gab Dutzende von Interviews und posierte sogar für die Rezeptrubrik von Gala. "Ich wollte sehen, wie das ist", sagt er heute über den Medienwirbel. Beim Lesen und Hören seiner Interviews ist schwer auszumachen, ob er es ernst meint oder ob er sich bloß lustig macht über den Rummel.

Die Elementarteilchen erzählen das Leben von zwei Halbbrüdern, erkennbaren Abspaltungen des Autors. Am Ende wird die Menschheit alter Art abgelöst von Wesen neuer Art, frei von Sexualität. Das ist das Werk Michels, des einen Halbbruders. Er ist Wissenschaftler, der andere, Bruno, ein gescheiterter Schriftsteller. Ihr Liebesleben ist in jeder Hinsicht trostlos. Michel hat kaum eines, Bruno ist nicht nur von der Kleinheit seines Geschlechtsteils besessen. Sein Leben endet in der Psychiatrie, das von Michel in Irland, an der westlichsten Spitze Europas.

Der zweite Roman Houellebecqs ist unkonzentrierter als sein Erstling vor vier Jahren, Extension du domaine de la lutte (Ausweitung der Kampfzone), die Beschreibung einer klinischen Depression im Angestelltenmilieu. Beiden gemeinsam ist ein Ton, der schon den ersten - den die Kritik kaum zur Kenntnis genommen hatte - zum Leseerfolg hat werden lassen. Es gibt Jugendliche, die ganze Passagen auswendig können und untereinander um die Wette zitieren.

Der studierte Agronom Houellebecq ist kein brillanter Stilist, er schreibt kurze, schlichte Sätze. Protokollartig begleitet er seine Hauptpersonen durch eine Welt, die jeder kennt: Wohnblocks, Büros, Bahnhöfe. Ihre Sehnsüchte sind oft aus ganz äußerlichen Gründen unerfüllbar, etwa, weil sie häßlich sind oder dick. Houellebecqs Arbeitskollegen - er ist Beamter der Nationalversammlung - haben im ersten Roman manch gnadenlose Schilderung aus ihrem Leben wiedergefunden.