Königreich der Phantasie: Museum für Völkerkunde, Südseeabteilung: Zu den dienstältesten Botschaftern in der Hauptstadt zählen der glotzäugige Gesandte der Gesellschaftsinseln und der Nuntius von Vanuatu, ein x-beiniger Hermaphrodit. 1828 schickte Kamehameha III. von Hawaii einen prunkvollen Federmantel als Statthalter. Die Tanzmaske mit dem Eberkopf aus Neuguinea war Vortragender Legationsrat unter dem damaligen Oberhäuptling Willem Zwo.

Draußen in Dahlem unterhalten sie ihre Ständige Vertretung, repräsentieren das Königreich der Phantasie und die Provinz des Menschen. Wildfremd und von mächtiger Präsenz, gebieten sie dem Überhandnehmen des Tagesgeschehens zuverlässig Einhalt.

In ihrer Welt bestimmt das Übernatürliche den Alltag. Im Dämmerdunkel der Sammlung reihen sich Eidechsenmenschen, Ahnentürme und kopulierende Dämonen zu einer Love Parade der Kultfiguren. Wen sie das Fürchten lehren, der findet Zuflucht im Männerklubhaus von Palau und Gefallen an der Marquesaner Mädchenschaukel. Männergeld und Frauengeld kursieren.

Lautlos konzertieren Stampftrommel, Schwirrhölzer und Nasenflöte miteinander. Auch Spielsachen und allerlei Hausrat von den glückseligen Inseln wurden zur Beute der Wissenschaft, vierzinkige Gabeln für Menschenfleisch etwa oder feingewirkte Ziergürtel, an denen Hunderte gegnerischer Zähne baumeln. Dazu papageienbunter Kopfputz, Stirnbinden aus schillernden Käferflügeln, Halsketten aus Pottwalzähnen und die marsianischen Kampfanzüge von Kiribati - die vulkanische Phantasie der Südseekulturen deklassiert ganz Hollywood.

Ankernd vor nachtschwarzer Unendlichkeit, zeugt eine Armada von Auslegerbooten von den fähigsten Seefahrern aller Zeiten. Darunter hochseetüchtige Schnellboote, die es auf 20 Knoten brachten. Ein Katamaran mit Feuerstelle und Wetterhütte, der 1000 Seemeilen im Liniendienst befuhr.

Und der reich verzierte Kreuzfahrtsegler des kleinen Inselvolks von Luf, wo es 1899 schon nicht mehr genug Männer gab, die 50 Paddel zu rudern. Vor 60 Jahren ist das Volk dann ausgestorben. Nur sein Schiff fährt weiter durch den Stillen Ozean der Zeit.

Stefan Schomann