An theoretisierenden Büchern zum Thema Demokratie und Politik herrscht kein Mangel. Wer allerdings lesen will, wie politische Prozesse konkret in der Praxis ablaufen, dem sei Bent Flyvbjergs Rationality and Power empfohlen.

Flyvbjergs Erkenntnisse ernüchtern: Politik ist in der Regel undemokratisch, die faktischen Entscheidungswege sind oft bizarr, die Ergebnisse nicht selten grotesk. Der dänische Professor für Raumplanung demonstriert dies anhand der Stadtplanung der norddänischen Provinzstadt Aalborg. Ende der siebziger Jahre erarbeiteten die Fachleute dort ein umfassendes Konzept zur Stadterneuerung. Flyvbjerg verfolgte das weitere Schicksal des Projektes über anderthalb Jahrzehnte. Bei jedem Schritt durch die politischen Instanzen wurde das Projekt ein wenig umgemodelt. Am Ende blieb nur eine Karikatur übrig. Die Rationalität der Machtstrukturen triumphierte über die Rationalität der Stadtplaner.

So konnte die lokale Busgesellschaft frühzeitig durchsetzen, daß die zentrale Haltestelle mitten im historischen Stadtzentrum plaziert wurde. Das Transportunternehmen hatte so viel Rückendeckung aus der Politik, daß es einen verbindlichen Kriterienkatalog aufstellen durfte. Und wundersamerweise erfüllte von allen acht möglichen Standorten nur die eine Stelle alle Kriterien.

Die konkrete Ausgestaltung des Projektes wurde dann zwischen der Technischen Verwaltung des Magistrates und der örtlichen Industrie- und Handelskammer ausgehandelt. Beide bildeten den Kern der örtlichen Machtbalance. Auch die Polizeiführung konnte gelegentlich mitmischen. Das Stadtparlament segnete die Verhandlungsergebnisse ab. Bürgerinitiativen konnten nichts daran ändern.

Die Einzelhändler der Innenstadt waren nur eine Minderheit unter den Mitgliedern der Industrie- und Handelskammer. Aber mittels eines verschachtelten Systems von Ausschüssen und Vorständen beherrschten sie die Kammer-Politik. Die Maximen waren klar: Gute Geschäfte sind gut für die Stadt, freier Autoverkehr ist gut fürs Geschäft - und damit auch für die Stadt. Die Presse unterstützte das Vorgehen. Initiativen zur Dämpfung des Autoverkehrs in der Innenstadt konnten verwässert werden. Hinterher dämmerte es vielen Händlern, daß ihnen eine schönere Stadt mit weniger Autos geholfen hätte. Sie forderten Fußgängerzonen. Aber da war das ganze Geld schon verplant.

Das Ergebnis: Politischen Zielen zum Trotz fuhren in der Innenstadt Ende der achtziger Jahre mehr Autos als vorher. Das Projekt "zerfiel in eine große Anzahl unverbundener Einzelprojekte, von denen viele unbeabsichtigte, unerwartete und undemokratische Konsequenzen hatten".

Wissen ist Macht. Aber Macht könne oft definieren, was als Wissen gilt, meint der Autor. Und Macht bedeute auch die Macht, nicht wissen zu wollen. Für die Befürworter rationaler Diskurse bietet das Buch allerdings eine wichtige Pointe: 1992 erschien eine erste dänische Fassung, und nicht zuletzt unter dem Eindruck der Ergebnisse wurde die Stadtplanung revidiert. 1995 bekam Aalborg aus Brüssel sogar, zu Flyvbjergs Erheiterung, den European Planning Price. Rationale Argumente haben manchmal doch ein gewisses Gewicht, wenn auch mit einiger Verspätung.