Ihr Aufsatz über Bernhard ist leider nur der erste Schritt zu einer Neubewertung dieses Autors; nichtsdestotrotz ist er als Arbeit einer Österreicherin recht bemerkenswert, und deshalb erlaube ich mir auch die Frage, ob wir es in Thomas Bernhard nicht doch vielleicht mit einem maßlos überschätzten Autor zu tun haben.

Lange bevor er berühmt war, hab' ich Bernhard hier in L. bei internationalen Dichtertagen, näher als mir lieb war, persönlich kennengelernt und auch danach noch zwei-, dreimal getroffen und mich ausgiebig mit ihm unterhalten dürfen, mein Verdacht auf Überschätzung aber ist nicht ausgeräumt. Möglicherweise ist mein Urteil im nachhinein auch getrübt durch einen Prozeß auf Ehrabschneidung, den Bernhard mir hierzulande indirekt, weil ich ihn aus einer ziemlich wachen Erinnerung heraus in einer Glosse zitiert habe, eingebrockt hat, aber gerade weil mein Zitat so prächtig in Ihre recht zwiespältige Charakterisierung hineinpaßt, quält mich die Frage, ob wir von Bernhard nicht weiterhin ein Zerrbild hegen und pflegen, ob er nicht der "häßliche Österreicher" hoch drei gewesen ist un d auch mordicus sein wollte, ein Wesen, das nicht geliebt sein wollte, weil es selbst nicht lieben konnte, das, echt profilneurotisch, aber alle "öffentlichen" Ehren einscheuerte, nur um die ihn "Liebenden" um so grausamer zu verhöhnen? Verdient ein solch übler Spekulant auf die skandalösen Wirkungen seiner Haßausbrüche wirklich - über Clowns à la Peymann hinaus - so viel Beachtung?

Michael Raus Helmsingen/Luxemburg