Berlin

Na, wie war's?" fragt mich Katharina Thalbach, nachdem ich alle drei Aufführungen im Maxim Gorki Theater gesehen hatte, zu deren Erfolg sie nicht unwesentlich beiträgt: Hauptmann von Köpenick, Brechts Guter Mensch und Die Ratten. "Alles wunderbar! Die Ratten finde ich allerdings etwas langatmig. Kränkt dich das?" Leicht eingeschnappt, antwortet sie: "Nein. Ich spiele sie allerdings sehr gern. Ich spiel' überhaupt gern Theater."

Wir laufen über den Dorotheenstädtischen Friedhof. Den besucht sie, seit sie sechs ist, seit ihre jüngere Schwester hier begraben wurde; später ihre Mutter, gerade 34 Jahre alt. Ich kenne Katharina oder Kathi noch aus ihrer Ostberliner Zeit. Ich sehe sie vor mir, wie sie mir auf der Friedrichstraße entgegenkommt, stolz mit Tochter Anna an der Hand, die gerade laufen gelernt hatte. Da war Kathi 20. Oder später, nachdem sie - in "liebevoller Gefolgschaft" zu Thomas Brasch, dem Schriftsteller - nach West-Berlin übergesiedelt war, saß sie in unserem Wohnzimmer, und die dreijährige Anna spielte mit unserem Hund. Oder neulich, beim Empfang vom Bundespräsidenten für Steven Spielberg, wartete sie am Ausgang auf den Regisseur, stellte sich ihm als Maria aus der Blechtrommel vor (der Film war auch in Amerika ein Erfolg) und freute sich wie ein Kind, als er sie erkannte.

Es ist eisig kalt. Kathi trägt einen braunen Plüschmantel und Stiefel. Über die kurzen Haare hat sie eine graue Mütze gestülpt. Darunter das Gesicht mit den großen Kinderaugen.

Der Friedhof ist eher klein. Daß er trotzdem weit und hell wirkt, liegt wohl an der breiten Birkenallee. Ein Friedhof für Prominente. "Da drüben habe ich meine Heli (Helene Weigel) beerdigt", zeigt Kathi, "da war ich 17." Die Weigel gab ihr einen Eleven-Vertrag. Vormittags Schule, nachmittags Berliner Ensemble - Unterricht, abends kleine Rollen. Sie hat schauspielern gelernt wie ein Zirkuskind, vom Zusehen und Probieren. Kathis Eltern, Sabine Thalbach und der Regisseur Benno Besson, haben sich am Berliner Ensemble kennengelernt. Kathi spielte ihre erste Rolle am BE. Auch Tochter Anna spielte ihre erste Rolle am BE. Auch sie ohne Schauspielschule. An den Grabstein von Brecht hat jemand das Manuskript der Dreigroschenoper gelehnt. Auf dem Deckblatt steht: "In Bewunderung des Meisters des erfrischenden Theaters". Davor liegt eine Zigarette. Dabei hat der Meister nur Zigarren geraucht. Johannes R. Becher soll in einem verlöteten Zinksarg beerdigt worden sein. "Brecht auch, und er soll außerdem angeordnet haben, daß man ihm nach seinem Tod noch durch das Herz schießt. Er hatte solche Angst vorm Scheintod."

Vor gut zehn Jahren fing sie an zu inszenieren. "War so 'ne Phase, wo ich wieder mal aufhören wollte mit der Schauspielerei. Ich habe mir mit Brecht gesagt, es muß etwas Neues geschehen. Da muß die Bibel eben wieder herhalten." Sprache kann sie begeistern. "Die liebe ich an Shakespeare oder an Brecht. Eine schöne Formulierung hilft mir beim Leben. Zum Beispiel, wenn ich sagen kann: ,Es muß etwas Neues geschehen.' Da ist manchmal ein Vormittag gerettet." Sie lacht auf ihre scheppernde Art. "Ich war zu lange mit einem Schriftsteller (Thomas Brasch) zusammen, daher meine Ehrfurcht vor dem geschriebenen Wort. Es ist 'ne verdammt schwere Arbeit, ein Stück, das du da in so 'nem kleinen Reclam-Heftchen hast, lebendig auf die Bühne zu kriegen. Statt dessen zu sagen: Ich mach' da nur 'n Satz draus, und ob die unten das verstehen oder nicht, ist mir Wurscht, damit habe ich Probleme. Ich kann nicht davon ausgehen, daß alle im Publikum Hamlet gelesen haben. Oder Faust. Also muß ich ihnen erst einmal die Geschichte erzählen und zwar so, daß es sie nicht langweilt." Sie will unterhalten. Und ohne daß die Zuschauer es merken, jubelt sie ihnen Nachdenkenswertes unter.

Wir stehen vor dem restaurierten Grab von Litfaß, dem Erfinder der Säule. Sein Nachbar ist der Architekt Friedrich August Stüler, ein Stück weiter liegt Schinkel. Kathi zeigt mir einen kleinen Grabstein, abseits der Prominenz. "Da ist meine Pflegefamilie begraben. Bei der habe ich gelebt, nachdem meine Mutter gestorben war, bei den Eltern einer Schulfreundin. Sollte nur für kurze Zeit sein. Ich wollte ja zu meiner Großmutter nach West-Berlin. Das ging aber erst mit 15 Jahren. Ich hatte dann drei Tage Zeit, mich zu entscheiden, ob ich gehen will oder nicht. Ich blieb freiwillig in der DDR." Als sie 1976 in den Westen kam, hielt sie sich mit Kritik an der DDR zurück. "Dieser Vampir-Heißhunger im Westen auf abtrünnige DDR-Bürger hat mich angekotzt. DDR war schließlich meine Heimat gewesen, war nicht nur scheiße."