Zur letzten Eröffnung einer Ausstellung seiner Arbeiten kam Martin Kippenberger im Rollstuhl. Das war Anfang 1997 in Genf. Am 7. März desselben Jahres starb er in Wien an Leberversagen. Was vorauszusehen war. Seine Freunde Albert Oehlen und Werner Büttner, mit denen er in den flotten Hamburger Jahren den Bierkonsum als Teil des Jungkünstlerdaseins an der Hochschule der Künste zelebriert hatte, haben dieses Stadium überlebt. Die Ausstellung Selbstbildnisse von Martin Kippenberger aber, die in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen ist, endet mit einem Raum, in dem neben Lampen aller Unarten auch beschwipst verbogene Laternenpfähle stehen. Laterne an Betrunkene heißt dieses öffentliche Möbel der privat umgekehrten, lallenden Verhältnisse, das von der Bühne irgendeines Komödienstadls zu kommen scheint und den lärmenden Kippenberger so ironisch zeigt wie sonst kaum.

Selbstbildnisse, das ist angesichts zahlreicher Selbstporträts besonders aus den letzten Lebensjahren ein präziser Ausstellungstitel. Aber es ist auch ein Pleonasmus, denn alles, was Kippenberger tat und produzierte, war eine Selbstdarstellung und Selbstinszenierung mit lebenslangen Variationen. Wer will, kann den Brief zu Rate ziehen, den der 13jährige Internatsschüler 1966 an seine Eltern schrieb und in dem er sich darüber beklagte, daß nur seine Schwester Post und Pakete von zu Hause bekommt. Abgedruckt 1991 in dem Katalog Kippenberger. Durch Pubertät zum Erfolg. Martin Kippenberger, der von zwei älteren und zwei jüngeren Schwestern umgebene Sohn aus einem kultivierten, vermögenden Essener Elternhaus, verbrachte ein hyperaktives Künstlerleben zunächst einmal und vor allem damit, Aufmerksamkeit zu erregen, Staub aufzuwirbeln.

Als Mehrzweckkünstler, Freund, Impresario, Kumpel, Rüpel, Entertainer agierte er in Florenz, Hamburg, Berlin, Köln, Madrid, Wien und auf zahllosen Reisen, von denen die rund 200 auf dem jeweiligen Briefpapier der Grandhotels und Pensionen entstandenen Zeichnungen Zeugnis ablegen.

Er gab den Dadaisten, malte als Neoexpressionist. Er war in Berlin Mitbetreiber der Konzerthalle SO 36 in Kreuzberg, in der die Punk- und New-Wave-Musikszene auftrat. Er richtete Büros ein, in denen er unter seinem Namen malen ließ, machte Bücher und Kataloge, sammelte Plakate, wurde in Los Angeles Teilhaber eines Restaurants und kaufte in Brasilien eine alte Tankstelle, die er Martin Bormann Tankstelle nannte. Er war kein Revolutionär, aber er eckte überall mal an. Oder pöbelte herum. "Immer ans Eingemachte ran" lautete seine Devise, aber auch das ist keine subversive Strategie, sondern eine renitente Reaktion, denn das Eingemachte ist eine Metapher aus Großmutters Zeiten, als es noch eine Speisekammer gab. Wer ans Eingemachte geht, kriegt was auf die Finger.

Man könne sich schließlich "nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden", sagte Kippenberger, und in dieser Feststellung liegt die lähmende Freiheit der Nachgeborenen, lag sein Problem. Deshalb mußte er laut sein, Staub aufwirbeln. Daß er in 15 Jahren 93 Einzelausstellungen hatte und auf der letzten, die er miterlebte, rund 300 Arbeiten von ihm zu sehen waren, sagt über den Kunstbetrieb mindestens soviel wie über Martin Kippenberger.

Zdenek Felix, der Direktor der Hamburger Deichtorhallen, hatte 1984 im Essener Folkwang-Museum die Ausstellung Wahrheit ist Arbeit gezeigt. In der Ausstellung Selbstbildnisse, die in Kooperation mit der Kunsthalle Basel entstand, aber in Hamburg vor allem um die große Installation The Happy Ending of Franz Kafka's Amerika erweitert worden ist, zeigt er, wo die Spuren zurückbleiben könnten, nachdem der Staub sich gelegt hat. Ein aus Kistenholz zusammengenageltes Boot, halb Kanu und halb Gondel, der Sozialkistentransporter, steht im ersten Raum der frühen Arbeiten. Die letzten Arbeiten sind die Selbstporträts, eine Serie, die unter dem Obertitel Das Floß der Medusa steht. Das ist der Rahmen, Ausflugsboot und Untergangsfloß.

Dazwischen Bilder, Plakate, Fotos, die fünf lebensgroßen Figuren, die unter dem Motto Martin, ab in die Ecke und schäme dich genau dieses, dem Betrachter den Rücken zuwendend, tun, er war ans Eingemachte gegangen. Und die Hotelzeichnungen, Tagebuchnotizen des entschlossenen Miles-&-More-Künstlers, beiläufig und konzentriert zugleich. Schließlich die große Installation, die mit Kafkas Amerika nicht viel mehr zu tun hat als mit Hölderlins Heidelberg. Man sieht das Arsenal der Stühle, dieses Sitzgelegenheitenlager, zuerst und bevor man es betreten kann durch eine fensterartige Öffnung in der Wand.