TIME AND SPACE

Ein Japaner, der Bach liebt, besonders den mathematischen Aspekt in dessen Musik. Seine CDs heißen 1000 Fragments, 0ø oder +/-, seine Toncollagen sind von kaum vorstellbarer Einfachheit, von puristischer Materialität.

Wenige elektronische Signaltöne durchbohren die oberen und unteren Grenzen des Hörbaren. Dünne Grooves entstehen in der individuellen Wahrnehmung von Zeit, durch den scharfen Schnitt, mit dem Ryoji Ikeda Klangfetzen aus Radiowellen isoliert. Im Cut-up-Tempo werden sie unkenntlich, nur unmittelbar mit dem Körper lassen sich die Geräusche in ihren extrem hohen und tiefen Frequenzen sonographieren - als hätte es das abendländische Spektrum verträglicher Töne niemals gegeben.

Doch solch radikaler Minimalismus ist auch im Land der infantilsüßlichen Pophymnen und des Designertechnos kaum konsensfähig. CDs, die Ryoji Ikeda hier auf seinem eigenen Label vertreibt, erscheinen in Europa zum Beispiel auf dem niederländischen Experimental-Label Staalplaat wie die Doppel-Mini-CD Time and Space. Ein besonderes Kleinod, zwei 3-Zoll-Silberlinge im zierlichen Klappcover.

Mit Morsesignalen beginnt das fünfteilige Time, dann rutscht der Wellensucher laut zischend ab, findet rauschige Gesprächsteile - meistens jedoch nichts Konkretes, leere Zwischenräume. Nach 1:11 Minuten kitzelt ein hohes, spitzes Tickern den Hörnerv fast schmerzhaft, weit, weit hinten wummert es unheimlich, ein synthetisch heulendes Glissando schraubt sich unendlich langsam in die Höhe - bis sich nach weiteren 2:22 Minuten diverse Tinnitusgeräusche allmählich in einen pluckernden Groove schaukeln.

Alle Spannung fokussiert sich auf das sinnliche Erleben minimaler akustischer Informationen, ähnlich jenen Momenten, wenn in einem U-Boot-Film nur noch das Peilen des Echolots hörbar ist. Im Thriller ist es das Ticken eines Zeitzünders, in einer Szene im Operationssaal das einsame Saugen der Lungenmaschine, das Piepsen des Herztonschreibers.

Durch rhythmische Wiederholung multipliziert, geraten solche Momente des Atemstillstandes bei Ryoji Ikeda in einen Fluß jenseits physischer Grenzen. Wie aus der Zeit geworfen, fühlt der Hörer einen fremden, berauschenden Pulsschlag, erlebt sonische Visionen im Nichts zwischen den Senderstationen. Visionen, die sich im 16minütigen Space auf der zweiten CD zu einer breiten Klangfläche verdichten, zu einem singenden Rauschen vom Mikrokosmos bis ins Universum, erschüttert von bebenden ultratiefen Baßlauten.