Die Heldin ist in wesentlichen Zügen ein Alter ego ihrer Erfinderin: Patricia Cornwall, berühmt durch ihren Roman Ein Fall für Kay Scarpetta, hat wie diese in der forensischen Medizin gearbeitet und ist durch ihren früheren Beruf mit der Praxis polizeilicher Ermittlung, den modernsten Finessen der Spurensuche sowie der Pathologie eng vertraut. Kay Scarpetta untersucht die Leiche eines Verbrechens, sorgt für die akribische Sicherung aller materiellen Hinweise und macht sich beim Abendessen so ihre Gedanken. Daß sie denen auch nachgehen darf, dafür sorgen sowohl die eigentümliche Zwitterstellung ihres Berufs - sie forscht im Rahmen ihres Interesses und ihrer Möglichkeiten ohne Anweisung und Rechenschaftspflicht - als auch die Erfolge, die sie in ihrer Dienststelle bisher errungen hat.

Ihre zahlreichen Bewunderer erwarten bei Cornwall anschauliche, wo nicht pedantische Schilderungen von zum Tode führenden Verletzungen, Faser- und Materialkunde auf dem neuesten Stand, die einfühlsame und realistische Darstellung einer auf ihren Beruf versessenen Frau und die präzise Nachstellung einer gelingenden Ermittlung. All dies wird auch in Ein Mord für Kay Scarpetta geboten, dazu lebendige Dialoge und Charakterbeschreibungen, kurze Ausflüge in die mit Glasscherben ausgelegten Nebelfelder politischer Korrektheit (die den amerikanischen Autoren derzeit offenbar unumgänglich sind) und eine am Horizont flimmernde Liebesgeschichte. Außerdem werden geboten: Tatverdächtige sonder Zahl, undurchsichtige Rechtsanwälte, mafiose Verwicklungen, Erinnerungen an einen Terroranschlag, ein beinahe unbekanntes Gift, ein FBI-Undercoveragent, diverse sexuelle Mißbräuche, ein korrupter Klinikchef, Drogen- und Aids-Fälle und mehrere geistesgestörte Sadisten (oder sagt man in Amerika inzwischen "Menschen mit anderen psychischen Fähigkeiten"?).

Daraus ergibt sich das Problem. In einer Sitzung ehrenwerter Kriminalautoren in London um die Jahrhundertwende wurden diverse Regeln für die Verfertigung eines Kriminalromans ausgegeben, um den wachsenden Schundbergen Einhalt zu gebieten beziehungsweise die Qualität des guten Krimis gegenüber seiner Billigvariante zu definieren. Zu den Regeln zählten: das strenge Verbot, Chinesen als Täter zu führen (schien damals eine beliebte Praxis zu sein), ein bis dato unbekanntes Gift verwenden zu lassen sowie die Person des Mörders erst auf den letzten Seiten zu präsentieren. Auch eine Häufung von Verdächtigen und Motiven wie die Zuhilfenahme gleich mehrerer Verrückter wurde verpönt - zu Recht. Warum zu Recht, kann man auf den letzten 150 Seiten des neuen Cornwall-Romans auf eigenes Risiko erfahren, denn nach einem sehr konzentrierten und zugleich breit angelegten Beginn verliert sich die Autorin beinahe bis zum Untergang in der willkürlichen Komplexität ihrer ausgelegten Fährten und angedeuteten Motive, dem Dickicht aus familiären Verstrickungen, korrupten Verwicklungen, psychoanalytischen Fallgeschichten und arbiträren Zufällen. Daß es dennoch ordentlich grauenhaft ist, geht auf den Kunstgriff der Autorin zurück, ihre Heldin zum potentiell nächsten Opfer des Täters zu machen, dem sie auf der Spur ist. So schickt sich das Verbrechen an, sich zu wiederholen, und bezieht seinen Schrecken aus der Verdoppelung in Zeit und Modus, von damals zu morgen und vom Wirklichen zum Möglichen. Wer sich nur gruseln will, soll das Buch ruhig lesen. Alle anderen: nö.

Patricia Cornwall:

Ein Mord für Kay Scarpetta

Aus dem Amerikanischen von Thomas A. Merk; Goldmann Verlag, München 1999; 413 S., 14,90 DM