Die Disco hat ausgedient. Heute sagt man Club. Zumindest in Berlin. Die Menschen tragen Club-Wear, ziehen von Location zu Location und tanzen in DJ-Lounges. Man muß nur Maria am Ostbahnhof besuchen: Die ehemalige Post ist zur Zeit der angesagteste Tanztempel der Stadt. Maroder Chic auf drei Etagen. Weiße Fernseher, Typ Michelangelo 560 C, zieren die kahlen wie dunklen Wände. Das Publikum trägt die beige-braunen und hellblauen siebziger-Jahre-Klamotten der Eltern: junge Damen mit kniehohen Lackstiefeln und hochtoupierten Hinterköpfen sowie Herren in engen Samtblazern. Hier wird unbekümmert gequasselt, gezecht und getanzt. Im Maria gibt es schräge Events wie die "Comic-Release-Party mit Fräulein Wunder an der Orgel", und DJs der ersten Liga legen - wie auch in den Clubs WMF oder Oxymoron - pausenlos die neuesten Sampler auf.

Ein neuer Trend in der Hauptstadt: Gute Restaurants haben im Keller ihre eigene Bar. Etwa das Schwarzenraben in der Nähe des Hackeschen Marktes. Das Restaurant ist minimalistisch und stilvoll, die Speisen sind exzellent. Und wer in den Untergrund steigt, landet in dem von trinkenden Lokalmatadoren als "beste Bar des Ostens" gekrönten Longdrink-Refugium Engelspalast. Vor cremefarbenen Vorhängen mischt sich das Klacken des Cocktailshakers mit der Live-Musik vom Klavier. Die Drinks - vom Acapulco Gold bis zum Latin Lover - sind gut gemixt und leidlich lecker, so wie andernorts in der Akba Lounge oder der Kreuzberger Haifischbar.

Das gemütliche Interieur und die köstlichen Sushis der Haifischbar entschädigen für den zuweilen berlinerisch-rüden Umgangston der Barkeeper. In abgedimmtem Licht warten rote Kunstledersessel auf die Nachtschwärmer.

Ebenfalls in Kreuzberg liegt das Roses, die beste Homo-Bar Berlins. Anders gesagt: gelebter Trash in plüschiger Atmosphäre. Die Wände sind aus Kunstfellen mit purpurrotem Haar, auf dem Bilder der Jungfrau Maria und anderen Diven dieser Welt hängen. Über der Theke baumelt Lametta, es gibt viele Herzen und natürlich noch mehr Rosen, es blinkt und funkelt allerorten. Und wenn nebenan im SO 36 themenbezogene Tanznächte stattfinden, nehmen auch schon mal türkische Tunten in Tüll und Taft und Jane Bond mit Brust und Bart ein Bier im Roses ein. Unterhaltungsfaktor 10!

Das heterosexuelle Pendant dazu ist das Kumpelnest 2000. Die Rotlichtkneipe wird heute nicht minder frequentiert als zu Zeiten, als sie noch als Puff diente. Das Ambiente ist schon ein wenig ranzig und runtergekommen und macht das Kumpelnest 2000 zum Kultschuppen. Anbaggern gehört hier zum guten Ton, und das ist gleich um die Ecke in der Karakas Bar nicht anders. Bei Salsa und Mojito versucht manch einer, eine mit Charme und Chuzpe kunstvoll zu verführen. Die Mojitos haben schon manche(n) aus dem Sessel gekippt.

Wer sich überlegt, zum Tanzen weiterzuziehen, begibt sich gleich nebenan in den Club 90 Grad. Das 90 Grad pflegt zwar eigenwillige Auswahlkriterien bei seinen Gästen. Die aber wissen, warum sie bis zu einer Stunde in der Kälte ausharren: Der DJ beschallt den Tanzraum - eine wie in den siebziger Jahren zum Partykeller umgebaute Doppelgarage - mit edelster Musik à la Studio 54. Die Stimmung ist prickelnd und famos, doch nichts im Gegensatz zum Hafen, wo an diesem Abend die wahre Erinnerungsparty an die legendäre New Yorker Disco zelebriert wird. Aus den Boxen tönt Don't leave me this way von Thelma Houston und If you could read my mind von Stars on 54. Stramme Jungs werfen ihre Shirts ab, tanzen auf Tischen und auf der Theke.

Manche Abende in Berlin sind wahrlich glamourös. Etwa in der Bar jeder Vernunft, einem der Berliner Varietés. In dem kleinen Spiegelzelt aus den zwanziger Jahren geht es um die großen Gefühle des Lebens. Tim Fischer singt davon, Gayle Tufts, die Geschwister Pfister oder der New Yorker Künstler Joye Arias. Wem das alles zuviel ist, sucht eher Lokale wie das Shell auf. Das edelhölzerne Mobiliar und die weißen Fluter an der ockerfarben pigmentierten Wand machen schon klar, daß hier hübsch gekleidete Gäste favorisiert werden. Vor knitterfreien weißen Leinentüchern sitzen der junge Architekt, die erfolgreiche Juristin, der aufstrebende Bankangestellte. Allesamt schwarz designt, sprechen sie über Beruf und Karriere, das Handy liegt griffbereit neben dem Weinglas. Die Weine sind so erlesen wie teuer, Gleiches gilt für die Speisen. Schließlich liegt das Shell in Charlottenburg. Im tiefsten Westen der Stadt, wo edle Schnörkel die Fassaden zieren und jeder fünfte Bürger selbständig ist.