Hätte Christoph Peters sein Debüt auf Seite 93 beginnen lassen - es wäre vielleicht ein gutes Buch geworden. Nicht der große Roman, für den einige seltsam enthusiasmierte Kritiker Stadt Land Fluß zu halten scheinen, aber immerhin eine Erzählung mit Nervenkitzel: "Natürlich hat es etwas Lächerliches, sich in seine Zahnärztin zu verlieben, noch dazu während der Behandlung." Ein solcher Auftakt verhülfe nicht nur einem von der Literatur vernachlässigten Berufsstand zu neuem Selbstbewußtsein, sondern er ließe uns Leser, die mit Zahnärzten eher schmerzhafte Visionen verbinden, die nächste Untersuchung mit ungeahnten literarischen Phantasien angehen.

Doch ehe dem Roman die Goldkrone eingesetzt wird, müssen wir uns mit allerhand Amalgam-Füllungen begnügen. Stadt Land Fluß beginnt mit einem germanistischen Proseminar und allerhand Ausflügen auf Nebenschauplätze. Nach dem Motto "Ich, der Herausgeber des Romans, bin nicht der Erzähler, und der ist erst recht nicht deckungsgleich mit dem Autor" hat der Autor eine überflüssige, neunmalkluge Vorbemerkung verfaßt. Für kurze Zeit wird es dann spannend. Es ist von einem Brief die Rede, in dem ein Befund steckt. Der verstörte Ich-Erzähler öffnet ihn nicht. Er wartet ungeduldig auf eine gewisse Hanna. Die kommt aber nicht. Das ist die Rahmenerzählung, schwant dem Leser, wir müssen wohl weiter auf Hanna warten; der Erzähler verläßt derweil die Gegenwart und gerät mal eben ins Erinnern.

Christoph Peters (1966 in Kalkar am Niederrhein geboren) beschwört die ländliche Tristesse, aber auch die Noch-heile-Mistgabelund-Rheinschiffer-Welt am Niederrhein in den siebziger und achtziger Jahren herauf und hakt nacheinander die Krebstode von Großvater, Großmutter und Onkel ab. "Hellhäutig, rotwangig, voller Sommersprossen; pralle Brüste, ausladende Becken, runde Hüften. Sehr weiches Fleisch, vermutlich schwaches Bindegewebe", so sitzen, sprachlos auf der Eckbank, und so beschreibt der um Genrebilder nicht verlegene Erzähler namens Thomas Walkenbach seine Cousinen, ehe er über Rembrandt, Rubens und vor allem den niederrheinischen Holzschnitzer Henrick Douwerman doziert.

Stadt Land Fluß ist nicht nur gut für das Fach Kritische Heimatliteratur, Erinnerungsprosa und Familienforschung, sondern auch für die Abteilung Künstlerroman. "Vielschichtig" lautet in diesem Zusammenhang ein Passepartout der Literaturkritik, das im Falle dieses Romans auch prompt aus dem Hut gezogen wurde.

Nicht nur die literarische Figur, auch der Autor will imponieren, Seite für Seite stellt er seine Begabung aus: Seht, was ich alles kann! Doch schafft er es nicht, jene Leser, die nicht rund um Kalkar wohnen und sich nicht mit der niederrheinischen Schnitzkunst täglich beschäftigen, für das Leben am Niederrhein und für die Kunst des Herrn Douwerman (16. Jahrhundert) zu interessieren, vom Schicksal der unzähligen Tanten, Onkel und Cousinen ganz zu schweigen.

Sollte es der Autor auf Parallelen zwischen seinem Thomas, immerhin ein entschiedener Kunstfreund, und der realen Gestalt aus der Kunstgeschichte tatsächlich abgesehen haben - sie erscheinen weit hergeholt. Und sollte es Christoph Peters, dem es besonders Douwermans Drei-Flügel-Altäre angetan haben, darum gelegen sein, daß wir eine Verbindung zwischen Douwermans Schnitzkunst und seinem Erzählkunstwerk herstellen (bisherige Kritiken sehen diese Verbindung), so passen wir auch in diesem Punkt. Soviel für heute: Stadt Land Fluß ist nicht aus einem Holz geschnitzt. Die Form des Romans leidet an Überanstrengung.

Endlich sind wir bei der Zahnärztin, sind wir bei Hanna. Das Verrückte an der Liebesanbahnung rund um den Zahnarztstuhl: Sie gelingt. Thomas Walkenbach braucht zwar mehrere Sitzungen, um endlich das Herz der ihn behandelnden Ärztin zu gewinnen - am Ende einer besonders bohrenden Szene legt sie dafür um so entschlossener ihre Stirn auf seine Schulter. Wie Christoph Peters abwechselnd seines Helden flaumige erotische Phantasien (ihr Ohrläppchen!) und dessen erbarmungslose zahnärztliche Behandlung (seine Karies!) millimetergenau in Szene setzt - das zeugt von außergewöhnlichen Fingerfertigkeiten des Erzählers. Die Zahnarztpraxis als Locus amoenus - das ist originell.