David Hockney in Paris, an drei Orten, süffig koordiniert. Zum Umhergehen in Landschaften und Räumen lädt das Centre Georges Pompidou am bunten Tinguely-Brunnen ein. Im Gespräch mit Picasso zeigt ihn dessen beliebte Niederlassung im Hôtel Salé. Und die Lichtbildkunst verjüngend, ist er in der Maison Européenne de la Photographie zu erleben - ein Spaziergang im Marais also.

Von Picasso lernte der bad boy aus Bradford, der Engländer in Los Angeles, Stadt der gefallenen Engel, daß Kunst keine Eigentumsdelikte kennt, die Kunstgeschichte allen gehört. Man übernimmt, was man braucht, Motive wie Praktiken. Und so tummeln sich im Musée Picasso Pulcinella und Harlekin, gibt es Variationen über den Alten Gitarrenspieler der blauen Periode, gotische Elendsfigur in jugendstiliger Krümmung, werden Picassos Mehrfachblicke und die kubistischen Rundumansichten zeitlich verstanden und zu filmischen Entwicklungsporträts der überwiegend männlichen Hofhaltung Hockneys gedehnt. Schließlich erheitern Bühnenelemente zum Französischen Triptychon an der Met - Ravel, Satie, Poulenc -, an dem indirekt auch Matisse und Dufy mitwirken durften. Hockney ist der ideale Theaterdekorateur. Pfiffiger Augentrug und Wiedererkennungseffekte halten das mythomane Publikum bei Laune. Kein Wunder, daß die Glyndebourner Produktionen der Zauberflöte und Strawinskys schillernder Spätoper The Rake's Progress am kongenialsten ausfielen.

Hockney und die Fotografie oder: Geschichte einer glücklichen Begegnung. Spielerisch gelingt ihm eine neue Unschuld des Metiers, arrangiert er für die Kamera Stilleben, Blumen und Interieurs, zerlegt den Colorado-Graben, die Brooklyn Bridge, van Goghs und Gauguins Stuhl in optische Splitter und montiert diese zu Perspektivtricks und gebogenen Bildziehharmonikas, fotografiert die Gäste vor dem immergleichen Ateliervorhang, seinem Gemälde Pacific Coast Highway and Santa Monica, was zum augenzwinkernden Vergleich mit Stefan Moses' berühmten Reihen einlädt. Doch hier ist alles glatt, flächig, synthetikfarben, die Ähnlichkeit mit lebenden Figuren oder Kirchners violetten Davoser Bergen rein zufällig. Hockney entkrampft die Fotografie, gibt ihr die anfängliche Lockerheit im Umgang mit der Malerei wieder zurück.

Wie sich dergleichen auswirkt, kann man bei Pompidou's erfahren. Hockney hat für diese Ausstellung zwei Riesenpanoramen vom Grand Canyon gemalt, die die Blicke einfangen - und nicht behalten. Sie basieren auf Fotocollagen und setzen sich, je siebeneinhalb Meter lang, aus 60 beziehungsweise 96 Einzelfeldern zusammen. Hockney kümmert sich dabei nicht ums Erhabene, The Sublime, das einst von seinen englischen Landsleuten angesichts solcher Naturschauspiele mit schauderndem Genuß ausgekostet wurde. Vielmehr interessieren ihn Maler des 19. Jahrhunderts, Thomas Moran vor allem, die den amerikanischen Westen als God's own country zu Friesen einer unbezähmbaren Natur entrollten, mit quasi wissenschaftlicher Genauigkeit.

In Hockneys Fotocollagen, die den Panoramen vorausgehen, springen die Bilder noch gemäß wechselnden Blickpunkten; es gibt keine einheitliche Perspektive, nur eine zersplitterte Wahrnehmung. Die gemalten Breitwände dagegen eifern den Totalen und langen Schwenks des Kinos nach, verfehlen aber im koloristischen Ablauf von Rot, Lila und Grün jegliche geologische Wildheit zugunsten von Tapisserien, epischen Ausmaßes zwar, doch sanfter Natur.

Diesmal ist es Hockney also nicht gelungen, gerade da innovativ zu wirken, wo sich die gängigsten Klischees häufen. Es war - Fuji and the Flower - seine Stärke in den sechziger und frühen siebziger Jahren, als er Kurparks, Villen, Swimmingpools (und Schwimmer) gleichbleibend hell und klassisch, mit Kringeln im Wasser, wiedergab, halb Postkarte, Hotelprospekt, halb Bonnard in Polaroid. Dann kam, wie bei allen gewollten Naiven, die künstlerische Bewußtwerdung, kamen Gemeinplätze, Zweifel an der Repräsentation, Komplikationen mit Raum- und Perspektivverschlingungen. Von denen er sich durch Fotoversuche, Theaterarbeit wieder erholt hat. Die Schneckenspur seines Regenbogenpinsels zog er vergnügt übers heimatlich hügelige Yorkshire.

Hockney ist ein Lichtblick. Er entideologisiert unser aller Abhängigkeit von Technicolor, TV und Farbkopierer, wendet sie als Netzhaut-Software ins Hedonistische. Das läßt ihn momentan so erfrischend erscheinen.