Es bleibt Verlagsgeheimnis, warum Paul Krugmans Pop Internationalism erst jetzt auf deutsch erscheint. Der Ökonom aus den Vereinigten Staaten hatte die - damals noch aktuelle - Essay-Sammlung 1996 herausgebracht. Und es bleibt Krugmans Geheimnis, warum er sich so oft wiederholt. Immer wieder drischt er auf eine Handvoll Kollegen ein, die mit vereinfachten und falschen Argumenten Bestseller produziert hätten.

Dabei ist Krugmans Motivation so interessant wie sein Anspruch hoch. Ihn ärgert, daß "Sprechblasentheoretiker" die öffentliche Debatte beherrschten, während die richtigen Ökonomen zu schlecht und zu kompliziert schrieben. Also will er "eine neue Art des Schreibens" entwickeln - klar und unterhaltsam, in "schwachstellenfreier Schlüssigkeit". Zwar rückt der Mitbegründer der modernen Handelstheorie einige Irrtümer zurecht. Aber die Wirtschaftspublizistik hat auch er nicht auf eine neue Stufe gehoben - zuviel Belehrung, zuwenig Unterhaltung.

Trotzdem gut, daß er den Frust der Wirtschaftstheoretiker einmal aus sich herausgeschrieben hat: Sie kennen die Argumente und Widersprüche ihrer Disziplin, haben aber wenig Einfluß auf den großen Diskurs. Den bestimmen Kollegen, die sich auf eine These festlegen und einen Teil der Theorie ausklammern. Der amerikanische Wirtschaftsprofessor Lester Thurow gehört in diese Kategorie, der ehemalige US-Arbeitsminister Robert Reich (hat zum Ärger manch gestrengen Ökonomen nicht einmal in Wirtschaft promoviert), Spekulantenkönig George Soros - die Spitzenreiter der Verkaufslisten eben.

Nun sind aber die wenigsten Promis ruchlos, und die Theoretiker sind auch nicht durch die Bank schlechte Kommunikatoren. Das Problem liegt in der Wirtschaftswissenschaft selbst: Sie liefert kaum eindeutige Erkenntnisse und noch weniger Anleitungen zum Handeln. Statt dessen zeigt sie Widersprüche, demonstriert die Kosten verschiedener Maßnahmen und die Denkfehler in beliebten Argumenten. Sie produziert Indiz um Indiz dafür, daß es dauerhafte Rezepte in der Wirtschaftspolitik nicht gibt. Je nach Situation und Werturteil neigen die Gewichte der gegensätzlichen Effekte in die eine oder andere Richtung.

Krugman könnte sich auch gleich gegen die berühmtesten Kollegen des Jahrhunderts wenden. John Maynard Keynes, Vordenker aller Nachfragepolitiker, und sein libertärer Gegenpart Milton Friedman haben in ihrer theoretischen Argumentation des öfteren fünf gerade sein lassen und Werturteile einfließen lassen, ohne sie als solche zu benennen. Nein, saubere Theorie war das nicht, aber einflußreich.

Ökonomie lehrt Bescheidenheit. Ob es um die Senkung bestimmter Steuerarten geht oder darum, daß Entwicklungsländer partout ihre Währung nicht abwerten wollen: Nur weil sich etwas einmal bewährt hat, ist es beim nächsten Mal noch nicht richtig. Gleichwohl ist Ökonomie nicht nur faszinierend, sondern auch nützlich. Sie hilft zu unterscheiden - zwischen richtigen und falschen Argumenten, zwischen Argumenten, die im jeweiligen Kontext vollständig oder unvollständig sind.

Politik und Öffentlichkeit liegt wenig an feinen Unterschieden: Sie brauchen Gedanken und Rezepte, auf die sie sich verlegen und verlassen können. Mit diesem Widerspruch zwischen dem, was Ökonomie kann und was sie soll, muß jeder Gedankenträger nach eigenem Gutdünken umgehen. Auch ein zorniger Paul Krugman kann ihn nicht aufheben.