Moskau

Damals, im Jahr 1986, saßen meine Freunde und ich um einen Küchentisch und redeten darüber, warum wir nicht an Michail Gorbatschows Perestrojka glaubten. Wir hatten zuviel Propagandakampagnen erlebt, um zu hoffen, daß diese neueste Wortschöpfung mehr sein könnte als leere Rhetorik. Okay, sagte einer von uns, was müßte geschehen, damit wir glauben, daß die Perestrojka Wirklichkeit ist?

In unseren wildesten Träumen stellten wir uns damals die Freilassung von politischen Gefangenen, den sowjetischen Abzug aus Afghanistan und ein Ende der Privilegien der kommunistischen Nomenklatura vor. Nichts davon schien auch nur annähernd möglich. Aber in just demselben Jahr kam Andrej Sacharow zurück aus seinem Exil in Gorkij, und danach wurden andere politische Gefangene entlassen. Die sowjetischen Truppen hatten Afghanistan Anfang 1989 verlassen. Und es dauerte bis 1991, dann verloren die kommunistischen Größen ihren hohen Rang.

Inzwischen dominieren die Kommunisten die Duma, und ein ehemaliger Chef des sowjetischen Planungsbüros ist die Nummer zwei im Kabinett. Erst kürzlich stimmte die Duma für die Rückkehr des Denkmals von Felix Dserschinskij, dem führenden Kopf des roten Terrors, auf den Platz vor dem KGB-Gebäude. Könnte es ein deutlicheres Zeichen für die Wiederholung der Geschichte geben? Ist das alte System vielleicht sogar schon zurück? Oder, wie mich ein Freund direkt nach der Abstimmung über die Dserschinskij-Statue fragte: "Müssen wir schon emigrieren?"

Politische Gefangene sind unvorstellbar

Trotz des Trauerspiels in unserem Lande ist es sinnvoll, daß wir uns noch einmal die Kriterien ansehen, die uns vor mehr als einem Jahrzehnt überzeugten, daß das absolut Unmögliche geschah - daß der Polizeistaat, das inhumane kommunistische System, das für immer gebaut zu sein schien, vor unseren Augen zusammenbrach. Die Zeichen, die wir sehen, sind nicht alle schlecht.

Politische Gefangene? Im heutigen Rußland unvorstellbar. Wenn wir erleben, wie die Neofaschisten Kundgebungen abhalten und Zeitungen verkaufen wie alle anderen politischen Aktivisten auch, dann sind einige von uns nicht sicher, ob das wirklich eine gute Sache ist. Aber als im vergangenen Jahr drei Dissidenten in China verurteilt wurden, hörte sich das für uns in Rußland fast wie ein Stück aus dem Mittelalter an. Ihr Verbrechen war es, eine alternative Partei gegründet zu haben; bei unseren Parlamentswahlen in diesem Jahr werden aller Voraussicht nach mehrere Dutzend Parteien gegeneinander kämpfen. Die liberalen Reformer haben möglicherweise ihren Einfluß und ihre Popularität verloren, aber sie haben immer noch freien Zugang zur politischen Szene.