Johannes R. Becher war der Entdecker und Förderer; sein "Aus unserer neuen Wirklichkeit ist ein Dichter erstanden, seine Gedichte segnen unser Tun und Trachten" war ein literarisches Urbi et orbi des DDR-Papstes, Beginn der raschen Karriere des Lyrikers Günter Kunert. Er wußte sich zu bedanken; so ließ er im zweiten Sonderheft Johannes R. Becher der Zeitschrift Sinn und Form elf Ruhmsprüche für den Protektor drucken, deren erster so lautet: "Schwer ist es, zu preisen den, der durch sein Werk sich selber preist. Schwer, den Berühmten zu rühmen. So scheint mir am besten uns zu ehren in ihm."

Allein, schon dieses kleine Fürstenlob zeigt: Der Stepschritt hallt auf doppeltem Boden; und die literarische Figura bedient sich eines ganz anderen Meisters. Brecht. Sehr bald kann man an den Arbeiten des immer störrischer werdenden Günter Kunert erkennen, daß da einer kaum noch in den Nischen der List nistet, sondern ziemlich frech die Zunge zeigt. Unvergeßlich sein Fünfzeiler Unterschiede, nun vollends im härenen Brecht-Gewand sprachlicher Lakonie, die knapp Trauer und Angst verbirgt: "Betrübt höre ich einen Namen aufrufen: / Nicht den Meinigen. / Aufatmend / Höre ich einen Namen aufrufen: / Nicht den Meinigen." Arthur Koestler in fünf Zeilen: Kunert hat das Unheil des "Genanntwerdens" wie die einzige Chance des Davonkommens, nämlich namenlos zu bleiben, wie kaum einer vor ihm gebannt. Bannsprüche werden es von nun an sein, die er veröffentlicht und schließlich, bis zu seiner Ausreise 1979, nicht mehr veröffentlichen darf.

Das Zoon politikon Günter Kunert hat sich von diesem Moment an verändert; er formuliert offenen Haß gegen die DDR und vergißt dabei eifervoll - bis zu einem vorwurfsvollen Gedicht des soeben erschienenen Bandes Nachtvorstellung, in dem einem ostalgischen Dichter "Deine Partei" vorgehalten wird -, daß er selber immerhin jahrzehntelang Mitglied dieses unerquicklichen Vereins namens SED war. Nicht zuletzt das war es, was Stephan Hermlins Zorn erregte, der dem bequem mit Möbelwagen und seinen sechs Katzen Ausgereisten in einer emphatisch ungerechten Philippika den Ehrentitel "Flüchtling" absprach.

Doch auch der Lyriker Günter Kunert hatte sich verändert. Seine Gedichte wurden mehr und mehr zum Menetekel, Zeichen der Warnung und Hoffnungslosigkeit, Algebra der Vergeblichkeit allen Tuns. Seit langem schreibt Kunert mit schwarzer Tinte, sein Ton klingt vom Tod und vom Ende, auch dieser zugrunde gerichteten Welt. Gleich das Eingangsgedicht des neuen Bandes ist so eindringliches wie gelungenes Exempel für Kunerts Endspiel, und vom Titel bis zur Wortmusik deutliche Benn-Nachfolge; es endet: "Die Kälte kommt von alleine / und die Einsamkeit wie gewohnt. / Von zweisamen Nächten bleibt keine / unter dem toten Mond."

Nun erliegt Kunert allerdings auch einer Gefahr; sie läßt manche seiner lyrischen Hades-Nachen kentern. Früher Verächter des sozialistischen Realismus, wurde er alsbald Künder eines kapitalistischen Kassandrismus. So schleifen gelegentlich Gedichte in schwarz-taftenem Tango-Takt übers Parkett des allgekannten "Grand-Hotel Abgrund". Da Kunert aber klug und nicht ohne Selbstironie ist, verspottet er sein beinernes "Ein Stück vom Nichts kehrt ins Nichts zurück" selber mit der Warnung "Weil wenig bedürftig der Mühe / der triste und traurige Ton".

Und da Günter Kunert Künstler ist - und wahrlich einer von Gnaden -, entgeht seine Lyrik dem Schicksal nicht, das Max Frisch einmal Picassos Genie attestierte: Vom Grauen Guernicas blieb schließlich ein schönes Bild. Folgerichtig sind Kunerts ätzendste Bitternisse - zwar existentiell erfahren, aber ästhetisch bezwungen - vor allem gelungene Gedichte; seine Verwerfungen variieren den Hegelschen Doppelsinn des Wortes "aufheben" in der Bedeutung von vernichten und bewahren.

Mir war Günter Kunerts Arbeit stets - auch bei ungerechten Interpellationen; aber wo steht, daß ein Dichter immer gerecht sein muß: und welcher denn war es? - die Jahrzehnte hindurch ein wichtiger Schlüssel für die sieben Tore dieser Welt. Dafür ihm zu danken ist ernster Glückwunsch zu seinem 70. Geburtstag.