Etwas irritiert habe ich den Artikel über die Reform des Medizinstudiums (an der, wie zu erfahren ist, seit fünf Jahren an der Berliner Charité "gebastelt" wird) gelesen, wurde mir doch mein eigenes Medizinstudium an der Universität Witten/Herdecke (UWH), welches ich im letzten Jahr abgeschlossen habe, vor Augen gehalten: "Auch ... Witten/Herdecke wartet nun ebenfalls mit Reformprojekten auf" ... "Doch ist man an der Charité etwas weiter." An der UWH wird seit Sommersemester 1991 exakt das hier beschriebene Reformmodell praktiziert.

"Statt an der Leiche zu beginnen, werden sich die Studienanfänger künftig zunächst mit alltäglichen Gebrechen befassen wie einem Knochenbruch." Tatsächlich: Die erste Krankengeschichte, mit der das erste Semester an der UWH beginnt, behandelt einen Oberschenkelhalsbruch, es folgen wöchentlich weitere Patiengeschichten, in den ersten drei Semestern geordnet in Themenblöcke wie Bewegungsapparat, innere Organe, Neurologie. Im vierten Semester werden schwierige Sachverhalte im Hinblick auf das Physikum wiederholt.

"Endlich wird auch hierzulande das problemorientierte Lernen eingeführt." Die UWH arbeitet seit 1991 mit dem problemorientierten Lernen als alleinige Pflichtveranstaltung (abgesehen von den erforderlichen scheinpflichtigen Praktika). Hierbei wird von einer Gruppe von sechs Studenten, moderiert von einem Kliniker sowie einem Studenten höheren Semesters (Tutoren), wöchentlich ein neuer Patientenfall erarbeitet sowie der Fall der Vorwoche besprochen. Bis zum Physikum sind das 48 Krankengeschichten.

"... während heute noch Massenvorlesungen die Regelform des Unterrichts sind, sollen die jungen Menschen demnächst in kleinen Gruppen mit einem moderierenden Dozenten arbeiten." Seit 1991 gibt es an der UWH keine Vorlesungen im ursprünglichen Sinne mehr, sondern oben genannte Tutorien und Sprechstunden, bei denen Fragen der Studenten zu den Patientenfällen mit dem jeweiligen Dozenten besprochen werden.

"Die Studenten bekommen schon vom ersten Semester an kranke Menschen zu Gesicht ..." Seit der Gründung der Fakultät findet im ersten Semester ein sogenanntes Wahrnehmungspraktikum in der Klinik Herdecke statt, hinzu kommen Untersuchungs- und Anamnesekurse.

Hanno Kirchner Herdecke