Er wäre nicht der erste, der beim Forschen unter den Schnee geriete. Daher hat Urs Gruber doppelt vorgesorgt. Er dreht am Knopf des umgehängten Barrivox. Das Lawinenverschüttetensuchgerät beginnt zu blinken. Es könnte ja noch etwas runterkommen während der Untersuchung auf den schmutzigen Schneebrocken, die Tage zuvor ins Urner Reußtal gedonnert sind. Im Rucksack hat er den Lawinen-Airbag verstaut. Alle 27 Menschen, die bisher mit Airbags in Lawinen geraten sind und rechtzeitig die beiden Ballons mit 150 Liter Gesamtinhalt aufblähen konnten, haben überlebt.

Die Männer des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos sind jetzt besonders viel unterwegs. Denn das Wetter hat die Alpen in ein gigantisches Freiluftlabor verwandelt, stellenweise kamen sieben Meter Schnee hinzu. Innerhalb von 20 Tagen, schätzt SLF-Forscher Paul Föhn, sind in der Schweiz 500 bis 1000 "Schadenlawinen" die Hänge hinabgerast, haben Straßen verschüttet, Leitungen gekappt, Todesopfer gefordert. Nun wird die Verheerung gesichtet. "Ein bißchen ist das wie Katastrophentourismus", sagt Martin Kern, Physiker am SLF. Die Forscher verarbeiten nicht nur aktuelle Daten aus schneebedeckten Hängen, die ihnen Meßstationen stündlich nach Davos funken und die Auskünfte über die aktuelle Gefahrensituation ermöglichen. Genauso wichtig sind die Steckbriefe der zahlreichen "Jahrhundertlawinen". Damit lassen sich realistischer Gefahren abschätzen, denn manche Lawine, so jene im österreichischen Galtür, ist weiter gerollt als je erwartet.

Aus den Informationen entsteht ein kartographischer Flickenteppich mit Gefahrenzonen, den Behörden und Techniker konsultieren, sobald sie sich ans Planen machen. In manchen Zonen darf mit Auflagen gebaut werden, etwa mit der Errichtung schützender Lawinenkeile. In roten Zonen dagegen herrscht Bauverbot. "Es gab Jahre, da konnte man Rot fast nicht mehr begründen", sagt Urs Gruber. Nach einer Reihe schneearmer Winter hatten sich viele in falscher Sicherheit gewiegt.

Doch jetzt sind die Lawinenspezialisten wieder wer. Man traut ihren Warnrufen. Für kurze Zeit waren sie Medienstars. Vor laufenden Kameras schilderten sie die Gefahren einer Staublawine, die im Formel-1-Tempo herabfegt und ihren Opfern mit höllischem Druck Schneekristalle in die Lungen preßt. Paul Föhn schilderte die Metamorphose des Schnees, wie luftige Flocken durch Druck, wechselnde Winde und Temperaturen heimtückische, millimetergroße Hohlformen annehmen. Diese Becherkristalle bilden Schwimmschneeschichten, auf denen Schneebretter wie auf Schmierseife abgleiten.

Gruber und sein Kollege Kern stapfen durch den Schnee bergan, die Schaufel in der einen, die Kamera in der anderen Hand. Nur rund 50 Meter oberhalb der Autobahn hat eine Lawine am Dorfeingang von Silenen haltgemacht. Sie springen in die Rinne, die das weiße Monster in den Untergrund geschliffen hat, den Blick oft nach oben gerichtet, wo sich der Schnee in der Sonne erwärmt. "Noch nie habe ich so viele Lawinen auf einmal gesehen", sagt Gruber. Über 20 wird er an diesem Tag allein im Urnerland begutachten und auf Fotos dokumentieren.

Die beiden füllen einen Zylinder mit Schnee, hängen ihn an die Federwaage. Damit ermitteln sie dessen Dichte. Bei manchen Lawinen läßt sich der Zylinder nicht in den Schnee zu drücken. "Beton", sagt Gruber. Derweil fliegen über ihren Köpfen Flugzeuge, die Lawinenzonen des Schweizer Alpenraums photogrammetrisch erfassen. Mit diesen Fotos läßt sich ein dreidimensionales Relief erstellen. Aus dem Vergleich mit dem Sommerrelief ergibt sich dann später die genaue Schneehöhe an fast jedem Punkt.

Erst jahrelange Analysen eröffnen den Schnee-Experten die Möglichkeit, in Gut und Böse aufzufächern. Entgegen der linguistischen Legende verfügen nicht die Eskimos über die differenzierteste Schneeterminologie, die Schweizer haben sich eine weit exaktere zugelegt: Locker-, Neu-, Pulver-, Papp-, Alt- oder Triebschnee. Flaumigen, filzigen und roten Schnee. Rauhreif, Schmelz-, Windoder Bruchharsch. Die SLF-Leute haben bei ihren Artenstudien neben den Becherkristallen einen weiteren Schuft entdeckt: den Oberflächenreif, der auf dem Schnee kondensiert und gefriert. Werden diese aufrecht stehenden Kristalle von einer darüber liegenden Schneeschicht unter Druck gesetzt, dann klappen sie wie Dominosteine um, und die oben liegende Schicht rutscht talwärts. Auch ein unvorsichtiger Skifahrer kann eine solche Lawine auslösen