Moskau/Washington

Vor sieben Jahren fragte der ehemalige amerikanische Präsident Richard Nixon den damaligen russischen Außenminister Andrej Kosyrew nach Rußlands nationalen Interessen. Der prowestliche Kosyrew sprach von "Frieden und humanitären Universalwerten". Richard Nixon äußerte sich danach im kleinen Kreis über den Außenminister: "Er ist ein netter Mann. Aber für den Aufbau eines neuen Staates braucht Rußland einen richtigen Mistkerl. Ich glaube nicht, daß die Russen einen solchen Schwächling respektieren."

Nixon behielt recht. Kosyrew wurde später entlassen, es folgte ein russischer Außenminister, wie ihn sich der Expräsident eher vorgestellt hatte: Jewgenij Primakow, früherer Chef der Spionageabwehr und gewiefter Anwalt der russischen nationalen Interessen. Heute ist der robuste Primakow zum Regierungschef und Lieblingsfeind des Establishments in Washington aufgestiegen.

Die "strategische Partnerschaft", welche die Präsidenten Amerikas und Rußlands auf einer pompösen Bill- und Boris-Show 1993 verkündet hatten, ist verwelkt. Dabei fügten sich die Dinge damals aus Washingtoner Sicht glänzend. So wie die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg sollten auch die Russen in das amerikanische Friedenssystem integriert werden. Doch die Dividende der Freundschaft mit Amerika ist in Rußland ausgeblieben. Statt eines deutschen Wirtschaftswunders erlebt der vom Kommunismus noch nicht genesene Koloß ein Finanzfiasko mit fortschreitender Deindustrialisierung und Korrumpierung.

"Zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges verstehen sich Amerika und Rußland schlechter als in der Phase des Wettrüstens und der Konfrontation", sagt Alexej Arbatow, Vizevorsitzender des Verteidigungskomitees der Duma. Damals kannte man einander, teilte Interessen auch im Gegensatz. Damals empfanden beide die nukleare Endzeitdrohung gleichermaßen. Damals gab eine mächtige Sowjetunion mehr für Verteidigung aus als die Amerikaner. Heute macht der russische Verteidigungsetat etwa zwei Prozent des amerikanischen aus. "Beide Seiten", meint Arbatow, "verstehen weder Ziele noch Motive des anderen."

In Amerika gilt Rußland nicht mehr als "Reich des Bösen", sondern als Raum der Unberechenbarkeit. Hollywood-Filme zeigen russische Kosmonauten, die mit Pelzmütze und Wodkaflasche an einer Weltraumstation herumschrauben wie an einem altersschwachen Lada. So ähnlich stellt sich in Washington auch die Regierung Primakow dar - beim Versuch, die morsche Volkswirtschaft zu reparieren. "Nach dem Rubelkollaps im August wurden die Reformer entlassen, mit denen Amerika zusammenarbeitete", sagt Thomas Graham von der Carnegie-Stiftung in Washington. "Von den Ministern der neuen Regierung kennt man noch nicht einmal die Telefonnummer."

Außenministerin Madeleine Albright reiste nach Moskau, um einen neuen Draht zu finden. Doch im US-Kongreß platzen Abgeordnete ungehalten heraus: "Was für eine Frechheit, daß die Russen um Geld bitten und gleichzeitig unseren nationalen Interessen schaden." In den vergangenen Jahren hat sich der Groll auch in Zahlen niedergeschlagen. Erhielt Rußland 1993 noch 60 Prozent der Hilfe für die Staaten der ehemaligen Sowjetunion, sind es jetzt noch 17 Prozent. Die Amerikaner wenden sich stärker Zentralasien, dem Kaspischen Meer und der Ukraine zu.