Wer Geld investieren will, ist arm dran. Das Angebot an Anlageprodukten hat einen Umfang erreicht, der die Auswahl zur Qual macht. Probleme bereitet nicht nur die Quantität des Finanzsortiments. Das Urteil wird auch dadurch erschwert, daß die Qualität immer stärkeren Schwankungen unterliegt: Aktien schießen aus dem Nichts in astronomische Höhen, solide geltende Schuldner stürzen über Nacht ab.

In diesem Finanzdschungel sind Orientierungshilfen hochwillkommen. Eine immer wichtigere Rolle spielen dabei die Rating-Agenturen. Diese privaten Gesellschaften bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen oder staatlichen Organisationen, die sich über die Ausgabe von Schuldverschreibungen an den Finanzmärkten Fremdkapital beschaffen. Den Wertpapieren und ihren Emittenten werden bei diesen Prüfverfahren von den Agenturen bestimmte Noten zugeordnet. Das dreifache A, englisch Triple A, steht beispielsweise für höchste Qualität. C oder D bedeuten, daß der Emittent kurz vor dem finanziellen Aus steht oder schon pleite ist und seine Schulden nicht mehr begleichen kann. Zwischen beiden Extremen gibt es eine Vielzahl filigraner Abstufungen.

Daß die Rating-Agenturen von ihrer Nützlichkeit überzeugt sind, liegt in der Natur der Sache. Der Wertpapier-Anleger erhalte "in übersichtlicher Form Anhaltspunkte über die Sicherheit eines Investments gegenüber Ausfallrisiken", verspricht der Branchengigant Moody`s. Die fortlaufende Beobachtung der Bonität umlaufender Titel biete zudem "sehr zeitnahe Informationen über sich abzeichnende Risiken." Genau dies wird allerdings stark bezweifelt.

In Asien hätten die Rating-Agenturen "Aktualität und Güte im Urteil nicht unter Beweis gestellt", zieht Jürgen Krumnow, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, vom Leder. Daß die Bonitäts-Wächter nicht rechtzeitig vor dem finanziellen Desaster der Tigerstaaten gewarnt hatten, war auch Commerzbank-Chef Martin Kohlhaussen sauer aufgestoßen. Der warf den Rating-Agenturen zudem vor, mit zweierlei Maß zu messen. So wären amerikanische Banken im Zuge der Asienkrise wegen fauler Kredite nicht heruntergestuft worden, sehr wohl aber deutsche Geldhäuser. Hinter Kohlhaussens Attacke stehen handfeste finanzielle Interessen: Je schlechter die Benotung ausfällt, desto teurer wird die Kapitalbeschaffung für Emittenten wie die Commerzbank.

Tatsächlich haben die Rating-Agenturen an den internationalen Finanzmärken eine ungeheure Machtfülle erreicht. Unternehmen, die Schuldtitel ausgeben, kommen an einer Prüfung kaum noch vorbei. Vor allem die großen institutionellen Anleger in Amerika, die mit ihren gigantischen Vermögen den Takt am Kapitalmarkt angeben, vertrauen weitgehend den Noten der Rating-Häuser. Und mehr noch: Deren Zeugnisse werden zunehmend auch von staatlichen Aufsichtsbehörden als Maßstab für die Fitness von Finanzinstituten genutzt.

Die Bonitäts-Prüfung ist längst zu einem lukrativen Geschäft geworden. Rating-Berater Oliver Everling schätzt, daß die Branche derzeit rund 1,4 Milliarden Dollar pro Jahr umsetzt. Im Durchschnitt zahlt ein Unternehmen etwa 100 000 Dollar für das Zertifikat einer Rating-Agentur. Davon gibt es zwar mehrere, faktisch wird das Feld aber von zwei New Yorker Giganten beherrscht: von Moody`s und Standard & Poor's (S&P).

Die amerikanische Dominanz ist den Europäern schon lange ein Dorn im Auge. Doch der Versuch, dem Duopol mit einer eigenständigen Agentur Paroli zu bieten, scheiterte vor zehn Jahren ziemlich kläglich. Rolf-E. Breuer, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, brachte das Thema einer europäischen Rating-Gesellschaft zwar kürzlich wieder aufs Tapet. An eine Realisierung mag aber am Finanzplatz Frankfurt niemand so recht glauben. Nun ruhen die Hoffnungen auf zwei deutschen Newcomern, der Europäischen Rating-Agentur für den Mittelstand in Frankfurt und der U.R.A. in München. Beide wollen sich zunächst auf die Bewertung kleiner und mittlerer Unternehmen konzentrieren.