Am Dienstag sind die Verhandlungen mit der Stromindustrie fehlgeschlagen. Diesmal ging es nicht ums Ganze, sondern erst einmal um Geld - eine neue Runde im alten Spiel. In der Energiepolitik der Bundesregierung bestimmt derzeit die Taktik alles. Von Strategie keine Spur.

Die Regierung jagt nach Trophäen, die sich im Fernsehen vorzeigen lassen: ein paar abgeschaltete Atomkraftwerke, möglichst noch in dieser Legislaturperiode. Dem Wähler verschweigt sie die Folgen. Noch mehr Strom käme aus klimagefährdenden Kohle- und Gaskraftwerken oder aus dem Ausland, etwa aus Frankreichs Kernreaktoren.

Es ist gut und richtig, daß sich die Regierung in die Energiewirtschaft einmischt. Doch warum so national borniert? Glaubt denn jemand, am deutschen Atomausstieg werde die Welt genesen? Die globale Energiestruktur der kommenden drei Jahrzehnte ist weitgehend festgelegt, und in summa wird die Kernenergie mehr Strom liefern als bisher. Dies ist das Umfeld, in dem Deutschland seine Rolle finden muß.

Rot-grüne Programme zelebrieren gerne die "globale Verantwortung" - hier könnte sie gezeigt werden. Über die Energiewelt nach 2030 wird heute entschieden. Dreißig Jahre, das liegt zwar weit weg; gesichert ist aber, daß die Weltbevölkerung auch dann noch wachsen wird, bis sie vielleicht zehn oder zwölf Milliarden Menschen zählt. Die meisten werden in Regionen mit wachsendem Energiehunger leben. Es wäre gefährlich, dieser verdoppelten Menschheit von vornherein eine Energietechnik zu verweigern, die kein Klimagift abgibt und außerdem noch wirtschaftlich ist.

Zugegeben, derzeit sind Öl und Gas konkurrenzlos billig - aber wie lange noch? Energiepolitiker sollten besser nicht wetten. Schließlich könnte die russische Duma eines Tages auf die Idee verfallen, sich nach deutschem Vorbild als "höhere Gewalt" zu begreifen und die Gaszufuhr nach Deutschland einzuschränken. Allein schon wegen dieses Versorgungsrisikos wäre der Atomausstieg ein Fehler. Doch solche Fragen sind kein Thema der Verhandlungen, geschweige denn der politischen Debatte.

Die Industrie treibt nur ein einziges Interesse: Sie will ihre Altreaktoren möglichst lange nutzen. Die sind finanziell abgeschrieben und gleichen nunmehr Gelddruckmaschinen. Sehr kreativ ist diese Tagesordnung nicht. Die deutsche Atomwirtschaft steht auch nicht im Ruf, ausnehmend kreativ zu sein. Schon vor Jahren hat sie fast alle Investitionen in die Entwicklung katastrophensicherer Reaktoren gestoppt, weil die herkömmliche Technik kurz- und mittelfristig mehr Geld abwirft. Das Hemd sitzt näher als der Rock, die Aktionäre sind wichtiger als die Enkel.

Ein Markt mit Investitionszyklen und Innovationszeiten, die sich über Jahrzehnte spannen, ist eben kein optimales Entdeckungsverfahren. Deshalb muß der Staat die Ziele stecken.

Auch künftig kann Energie nicht nur aus Solarzellen kommen

Schon werden hierzulande die Sicherheitsfachleute knapp. Keinem Studenten ist zu verdenken, wenn er ein Fachgebiet links liegenläßt, dessen Hauptthema die eigene Abwicklung ist. Um diesen Trend umzukehren, müßte die Forschungspolitik neue Ziele definieren: Wie mischen wir das Portefeuille zukünftiger Energietechniken? Dieses Portefeuille kann ja nicht bloß aus Windrädern und Solarzellen bestehen, deren Beitrag auf lange Sicht lokal und beschränkt bleiben wird. Dazu gehören vielmehr Techniken für intelligenten Stromeinsatz bei den Verbrauchern, auch hitzebeständigere Werkstoffe für Kraftwerke - und eben eine erneuerte Kerntechnik.

Daraus könnten anspruchsvolle Projekte für junge Ingenieure und Wissenschaftler entstehen. Zum Beispiel kleine verkapselte Reaktoren, die Heizwärme und Strom für Stadtteile liefern. Oder Maschinen, die Atommüll bestrahlen, in weniger gefährliche Substanzen umwandeln und dabei zusätzliche Energie gewinnen.

Im Vergleich zum gasförmigen Fossilmüll, den wir in der Atmosphäre endlagern, hat nuklearer Müll einen Vorteil: Er läßt sich auf knappem Raum lagern. Damit ist Zeit für die Entwicklung von Techniken gewonnen, die den Müll als Energiequelle nutzen oder ihn fixieren, bis er zerfallen ist. Insofern ist Atommüll weniger problematisch als manch anderer Industrieabfall, der bis in alle Ewigkeit Gift bleibt.

Wozu leisten wir uns die Kernforschungszentren (die sich nicht mehr so nennen mögen), wenn wir solche Ideen nicht erproben wollen? Warum lädt die Regierung nicht zu einer Reihe von Workshops, auf denen Wissenschaftler und Ingenieure, die Atomkritiker eingeschlossen, neue Optionen herausfinden?

Der Ausstieg ist ein einfallsloses Konzept. Er soll sogar "unumkehrbar" sein, so will es der Koalitionsvertrag. Das ist deutsche Gründlichkeit. Daß die Gegenwart die Zukunft knechtet, widerspricht dem gesunden Menschenverstand und einem Prinzip, das die Regierung bei anderer Gelegenheit gerne hervorholt: Nachhaltigkeit. Zwar kursieren allerlei gewundene Definitionen dessen, was Nachhaltigkeit sein soll; aber stets wird gefordert, die Entscheidungen der heutigen Generationen dürften gerade nicht "unumkehrbar" sein. Alles andere wäre die Herrschaft der Besserwisser.

Doch für Grundsatzdiskussionen fehlt der Politik derzeit die Kraft. Der Kanzler moderiert zwischen kurzatmigen Industrieinteressen und grüner Ideologie. Das ist schwierig. Also konzentriert sich der politische Sinn auf die Taktik: Gib du mir AKWs als Beute, dann lass' ich ab von der Steuerzange. Schlechte Zeiten für eine nachhaltige Energiepolitik.