Alfredo Guevara ist Urologe in Nogales, Arizona, direkt an der Grenze zu Mexiko. Zwei Büsten stehen in seinem Büro. Eine vom Komponisten Ludwig van Beethoven, die andere vom 16. amerikanischen Präsidenten, Abraham Lincoln, zusammen mit Porträts der beiden Männer. Guevara, ein herzlicher Endvierziger mit Brille, kommt in blauen Chirurgenhandschuhen herein. Er setzt sich mir gegenüber und schlägt sich auf die Knie, was Ärzte häufig tun, wenn sie signalisieren wollen, daß sie nur ein paar Minuten Zeit haben.

Ich frage den Urologen nach Lincoln.

"Syphilis und Gonorrhöe waren damals weit verbreitet", fährt Guevara fort. "Ein ähnlicher Fall: Wir haben gesicherte Erkenntnisse, daß Beethoven sich mit Prostituierten abgab. Ein befreundeter Cellist hat das aufgeschrieben. Beethoven war ein Romantiker, er wollte geliebt werden, doch er fand keine Partnerin. Als seine Freunde ihn einmal betrunken machten und in den Rotlichtbezirk schleppten, tat er, was er tun mußte. Bedenken Sie, eine Syphilisinfektion äußert sich auf verschiedene Weise. Man kann taub werden. Als Folge einer verschleppten Ohreninfektion."

In der Nacht zuvor hatte ich mit Guevara Scotch getrunken und über jene dunklen Seiten des Menschen gesprochen, über die nur ein Urologe Bescheid wissen kann. Mir wurde klar, was für ein Typ er ist: der belesene Provinzarzt, eine Figur aus der Literatur von Flaubert bis Steinbeck, ein intelligenter, begeisterungsfähiger Mann. In der Beethoven-Forschung spielt sein Name mittlerweile eine bedeutende Rolle. Vor einigen Jahren erwarb Guevara gemeinsam mit der amerikanischen Beethoven-Gesellschaft eine Locke von Beethovens Haar, die man ihm vermutlich nach seinem Tod im März 1827 ausgezupft hatte. Guevara stellte der Wissenschaft ein paar Haare davon zur Verfügung, um ein wenig Licht in Beethovens qualvolles Leben zu bringen.

Die jüngst in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Nature publizierten Erkenntnisse über Thomas Jeffersons Liebesbeziehung zu Sally Hemings (siehe "Black and beautiful", Seite 12) zeigen, daß Forscher und Hobbytüftler zunehmend wissenschaftliche Methoden benutzen, um sehr persönliche Fragen an die Geschichte zu beantworten. Das reicht von der DNA-Analyse bis zu Infrarotuntersuchungen unkenntlich gemachter Schriftstücke. Dabei überrascht es nicht, daß das Interesse eher den abgewandten Seiten des Menschen gilt, Sensationsgeschichten, die Schatten auf ein leuchtendes Leben werfen könnten. Was die Historiker betreiben, spiegelt sich aktuell in gewisser Weise in dem Wahn wieder, den Fleck auf Monica Lewinskys marineblauem Kleid einer DNA-Analyse zu unterziehen. Und wie für Journalisten und Politiker im Fall Lewinsky stellt sich auch für Populärwissenschaftler die Frage nach Grenzen und Zielen biographischer Nachforschungen. Deshalb antwortet der Beethoven-Forscher Mark Evan Bonds auf die Frage, ob der Komponist an Syphilis erkrankt gewesen sei: "Das ist eine Monica-Lewinsky-Frage, finden Sie nicht? Selbst Leute, die so tun, als wollten sie es nicht wissen, sind doch scharf darauf. Als Wissenschaftler darf man so etwas nicht ignorieren. Die Frage ist eher, was wir damit anfangen."

In den vergangenen Jahren ist die traditionelle Biographie - Daten, Orte, Veröffentlichungen - immer mehr verdrängt worden zugunsten einer sensationslüsternen Annäherung. War Schubert homosexuell? (Gesichert ist: Er hatte Syphilis.) Nahm sich die weißgewandete Emily Dickinson die Frau ihres Bruders zur Geliebten, die im Nachbarhaus wohnte? Wurde der Entdecker Meriwether Lewis in Tennessee ermordet, oder beging er, wie die meisten Historiker behaupten, doch Selbstmord?

Konservative Historiker begegnen der um sich greifenden Sucht, persönliche Geheimnisse zu enthüllen, mit Skepsis. "Dadurch wird nur selten etwas erhellt, was wirklich von intellektuellem Interesse ist", sagt Leon Botstein, Musikwissenschaftler und Präsident des Bard College. "Es ist ein Zeichen für den Verfall der Sitten, daß die Leute so versessen sind, etwas vom Privatleben dieser Menschen zu erfahren. Heutzutage brauchen nicht nur Teenager, sondern auch Erwachsene Idole, die sie verehren und gleichzeitig vom Sockel holen können."

An jenem Tag in seinem Büro steht er plötzlich auf, öffnet einen Wandschrank und kramt eine braune Metallkassette hervor. Er öffnet sie und präsentiert eine Petrischale, in der eine Haarlocke liegt. "Wir haben hier eine Strähne von wahrscheinlich 80 Haaren", erklärt er. Dann wühlt er kurz in der Schatulle, schiebt ein Auktionsschild von Sotheby's in London beiseite und zieht einen Laborumschlag aus Plastik hervor. "Hier sind die Reagenzgläser", fährt er fort und präsentiert Fetzen von der Kopfhaut. "Acht an der Zahl. Sie enthalten DNA." Gegen das Licht kann ich acht lange, feine Haare mit undeutlichen Kreisen nahe der Wurzel erkennen. Auf einem kleinen Schild am Umschlag steht: "Beethoven, L.v."Als handele es sich um irgendeinen Patienten.

Seine Diener sollten ihm das Hirn aus dem Kopf schießen

Am Tag, als publik wurde, was Nature über das Verhältnis Jefferson/Hemings herausgefunden hatte, rief ich den Historiker und Bestsellerautor Stephen E. Ambrose zu Hause in Mississippi an. "Gott sei Dank habe ich zu dem Thema nie Stellung genommen", sagte er. "Die Leute haben mich gefragt, und ich habe geantwortet, ich wüßte es einfach nicht. Einige verdammt respektable Historiker haben trotzdem den Mund aufgemacht."

Bei einem anderen Streit allerdings, der Auseinandersetzung um den Tod des Entdeckers Meriwether Lewis 1809, bezieht Ambrose sehr deutlich Stellung. In seinem Buch Undaunted Courage stellt er Lewis' Tod als Selbstmord dar. Die meisten Wissenschaftler akzeptieren diese Version, doch seit einigen Jahren behauptet James E. Starrs, Professor für Rechtswissenschaften und Gerichtsmedizin an der George-Washington-Universität, Lewis sei womöglich ermordet worden. Er drängte die Verwaltung des Nationalparks, Lewis' Leichnam exhumieren zu dürfen. Der ruht, nicht weit vom Ort seines Todes im Natchez Trace Park, unter einem poetischen Mahnmal: ein abgebrochener Pfeil, der ein mit 35 Jahren gewaltsam beendetes Leben symbolisieren soll.

Als Lewis seine letzte Reise unternahm, war der Natchez Trace ein Pfad, der durch die Wälder von Tennessee führte. Dort lebten vor allem Indianer. Lewis reiste auf dem Weg nach Washington ostwärts, mit einem Manuskript in der Tasche, von dem er wußte, daß es ein großes Werk war: die Tagebücher seiner und William Clarks Entdeckung des Westens. Er hatte einen jahrelangen Krieg gegen die Regierung hinter sich, damit sie ihm seine Ausgaben erstattete. Lewis war offensichtlich geistig verwirrt. Er litt unter Verfolgungswahn und trank zuviel. In der Nacht zum 10. Oktober 1809 stieg er in einem einfachen Gasthof ab.

Undaunted Courage beschreibt Lewis' letzte Stunden in allen Einzelheiten: In seinem Zimmer im Gasthaus, schreibt Ambrose, habe Lewis sich mit Pistolenschüssen selbst verwundet und mit einem Rasiermesser verstümmelt. Dann habe er die Diener angefleht, ihm "das Hirn aus dem Kopf zu blasen". Sie weigerten sich. Mitten in der Nacht habe die Wirtin zwei Schüsse gehört, sei aber zu ängstlich gewesen nachzuschauen. Bei Tagesanbruch fand sie den toten Lewis. Diese Geschichte und vor allem die Behauptung, Lewis habe sich selbst verwundet, ist nach heutigen Maßstäben viel zu oberflächlich. Die Einzelheiten stammen vor allem aus drei Briefen. Einen davon schrieb ein Weggefährte eine Woche nach Lewis' Tod, die beiden anderen entstanden zwei Jahre später. Starrs' stärkste Gegenargumente sind der große zeitliche Abstand und die Widersprüchlichkeit der Berichte.

Der graubärtige Starrs ist ein vor Kraft strotzender, eloquenter Ermittler. Sein Büro ist vollgestopft mit Artefakten seiner Lieblingsobjekte - der Toten. Die Wandschränke sind angefüllt mit Papieren und Skeletten. Warum interessiert er sich für Meriwether Lewis? "Zunächst aus intellektuellen Gründen", sagt er. "Für Historiker ist das ein Mysterium. Aber auch aus emotionalen Gründen. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, wie die Urenkel noch Generationen später betroffen sind, wenn sie erfahren, wie ihre Vorfahren umgekommen sind." Was Lewis angeht, empfänden viele Nachkommen immer noch Unbehagen bei dem Gedanken, ihr verehrter Vorfahr könnte Selbstmord begangen haben. Eine Exhumierung, sagt Starrs, könne das Stigma beseitigen.

Starrs besitzt 160 Unterschriften von Lewis' Verwandten, die, wie er sagt, wissen wollen, was ihrem Urahn zugestoßen sei. Drei Gouverneure haben Briefe an die Parkverwaltung geschrieben, um Starrs' Ansinnen zu unterstützen. "Eine so große Persönlichkeit wie Meriwether Lewis sollte die Chance bekommen, mit Hilfe der Wissenschaft die tragischen Umstände seines Todes klären zu lassen", schrieb 1996 Gouverneur Mel Carnahan aus Missouri. Die Parkverwaltung wies jedoch Starrs' Ansinnen regelmäßig zurück.

Lewis-Biograph Stephen Ambrose findet das in Ordnung. Vor einem Jahr schrieb er an Präsident Clinton und bat ihn inständig, dem öffentlichen Druck nicht stattzugeben. "Was Starrs als Kontroverse bezeichnet, ist keine", schrieb Ambrose. "Lassen wir Lewis ruhen."

Archäologen der Parkverwaltung bezweifeln jedoch, daß Lewis' Knochen nach 190 Jahren unter der Erde annähernd so viel zu erzählen haben. Doch das ist nicht der Punkt. Sie wollen ganz einfach, daß das Geheimnis ein Geheimnis bleibt. "Über Meriwether Lewis' Gemütsverfassung, seine Anfälligkeit und manisch-depressive Ader wissen wir doch schon lange Bescheid. Warum muß denn jetzt jemand so indiskret sein, herausfinden zu wollen, ob das zum Selbstmord geführt hat?" wundert sich Roger G. Kennedy, Historiker und ehemals Direktor der Parkverwaltung.

Die Forscher stürzen sich auf Schlafzimmergeheimnisse

Starrs hat die Kontroverse noch mit einer sexuellen Fragestellung angeheizt: Feierte Meriwether Lewis 1805 die Überquerung der nordamerikanischen Wasserscheide, indem er mit einer Indianerin schlief? Und steckte er sich bei ihr mit Syphilis an? Die Knochen, beschwört er, könnten darüber Auskunft geben.

Eugene Foster, emeritierter Professor für Pathologie, der sich in Nature über Jeffersons Vaterschaft bezüglich Eston Hemings ausließ, reiste in mehrere Länder, um Abkömmlinge der Jefferson-Familie zur Ader zu lassen. Er wollte Schlafzimmergeheimnisse lüften. Die Inspiration verschaffte ihm unter anderem der berühmte "Anastasia-Fall" von 1994. Wissenschaftler hatten DNA-Proben der verstorbenen Anna Anderson Manahan, die ihr Leben lang behauptet hatte, Anastasia, die Tochter von Zar Nikolaus, zu sein, mit DNA-Proben aus den Knochen des Zars und der Zarin verglichen. Dabei kam heraus, daß Anna eine Schwindlerin war. Starrs hatte seinerseits unterirdisch arbeitende Radargeräte an Lewis' Grab installiert und Blut von einem Lewis-Verwandten abgezapft. Für seine Untersuchungen wurde ihm übrigens eine Locke von Meriwethers Bruder versprochen.

Starrs genießt es offensichtlich, in Gräber hinabzusteigen. Und er ist nicht der erste. Im vergangenen Jahrhundert gruben Anthropologen Schubert und Beethoven aus, um ihre Schädel zu vermessen. Andere dagegen schrecken davor zurück, in Knochen herumzustöbern. Jefferson-Forscher Foster berichtet, er habe Teile seiner vor zwei Jahren begonnenen Untersuchung wieder aufgeben wollen, weil er vermutete, eine Exhumierung des US-Präsidenten könnte nötig werden - "ein extremer Schritt".

In der Einleitung zu ihrem Buch Rowing in Eden: Rereading Emily Dickinson hat Martha Nell Smith, Englischprofessorin an der Universität von Maryland, eine Fotografie abgedruckt. Sie zeigt einen ausgetrampelten, von Gras überwucherten Pfad zwischen den nebeneinanderliegenden Villen Homestead und Evergreens in der amerikanischen Kleinstadt Amherst. Emily Dickinson lebte in Homestead, ihr Bruder Austin mit seiner Frau Susan Huntington Dickinson in Evergreens. Smith behauptet, die 40 Jahre währende Beziehung zwischen Emily und Susan sei eindeutig lesbischer Natur gewesen, und die beiden Frauen hätten zusammengelebt, wenn schon nicht unter einem Dach, so doch Tür an Tür. Diese These vertritt Smith vehement in ihrem jüngsten Buch, dem sie gemeinsam mit einer Koautorin den Titel Open Me Carefully gab, eine Zeile, die auf einem der vielen Briefe stand, die Emily über den Feldweg an Sue schickte.

Ich besuche Smith in ihrem kleinen Backsteinhaus in Takoma Park, einer kleinbürgerlichen Siedlung. Sie lebt hier mit ihrer Lebensgefährtin und arbeitet daran, einem breiten Publikum Neues über Liebesbeziehungen zwischen Schriftstellerinnen nahezubringen.

Das Material, das Smith und ihre Koautorin gesammelt haben, um Emily Dickinsons dauerhafte Liebe zu Susan zu belegen, ist beträchtlich. Doch welcher Art diese Liebe wirklich war, läßt sich nicht so leicht beweisen. Die beiden Frauen haben ein äußerst zurückgezogenes Leben geführt - daran hätten sich, so Smith, mehrere Generationen von Literaturgelehrten die Zähne ausgebissen. Smith bedient sich nun modernster technischer Verfahren (und ihres detektivischen Spürsinns), um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Soweit man weiß, wurden nur zehn Dickinson-Gedichte zu Lebzeiten der Dichterin (1830 bis 1886) veröffentlicht. Den großen Rest hinterließ sie in Form von Papierpaketen - Blätter, die sie mit ihrer verschnörkelten Handschrift füllte und dann zu Bündeln zusammenschnürte. Sie hinterließ außerdem Hunderte handgeschriebener Briefe, ein Drittel davon an Susan gerichtet. Diese Hinterlassenschaften sind bereits durchforstet worden. Dabei machte jemand ganze Textstellen mit Füllfederhalter und Tinte unleserlich - oft wurden sogar Wörter mit einer scharfen Klinge vom Leinenpapier gekratzt.

Smith glaubt, daß die Übeltäterin Mabel Loomis Todd war, die Geliebte von Dickinsons Bruder Austin. Todd hatte zwar als erste dafür gesorgt, daß ein Band von Emilys Gedichten gedruckt wurde. Sie sei jedoch, behauptet Smith, als zutiefst bürgerliche Frau fest entschlossen gewesen, Emilys Liebe zur Frau ihres eigenen Geliebten zu vertuschen. Smith hat nun damit begonnen, Todds Dickinson-Ausgabe Seite für Seite zu prüfen. Durch Untersuchungen der Originalbuchrücken in der Houghton-Bibliothek in Harvard und der Foster-Bibliothek in Amherst stellte sie beispielsweise fest, daß elf von Dickinsons Gedichten ursprünglich Susan gewidmet waren. Die Widmungen waren später unkenntlich gemacht worden.

Jetzt versucht Smith, die unkenntlich gemachten Stellen wieder lesbar zu machen, indem sie Fotos der Briefe am Institut für fortgeschrittene Technologie an der Universität von Virginia untersuchen läßt. Dort werden mit Hilfe von Infrarotlicht die Veränderungen an den Textstellen aufgespürt. Die Spezialisten arbeiten mit einer Computersoftware, die Hunderte unterschiedlicher Farben in einem Tropfen Tinte oder einem Bleistriftstrich identifizieren kann. Durch Bearbeitung dieser Farbtöne können Streichungen rückgängig gemacht werden, so daß das Original wieder zum Vorschein kommt. Was auf ewig ausgemerzt schien, wird plötzlich wieder sichtbar.

Smith interessiert sich besonders für einen Brief, den Emily im April 1853 an Austin schrieb. Sieben Bleistiftzeilen wurden ausradiert. Dickinson schrieb diesen Brief mit 22 Jahren, in einer Zeit, die für die Dichterin emotional stark aufgeladen war. In jenem Frühjahr wurde ihr klar, daß Susan, zu der sie seit mehreren Jahren ein enges Verhältnis hatte, von Austin umworben wurde.

Den ausradierten Zeilen folgt ein Geständnis von Dickinson, sie habe ein "schreckliches Gefühl". Smith kann die Leidenschaft der zensierten Stelle nur erahnen. "Es könnte um die Zuneigung zu Susan gehen. Vielleicht auch um Zärtlichkeiten", mutmaßt sie. "Hier haben wir möglicherweise einen Beleg für die leidenschaftliche Liebe zu Susan. Es könnte aber auch ein wütender Brief sein. Was immer ich herausfinde, ich werde darüber berichten. Ich werde jedenfalls nicht versuchen, irgend etwas unter den Teppich zu kehren."

Was die Professorin herauszufinden versucht, ist ehrgeizig und strittig. Smith, in Texas aufgewachsen, ist eine umgängliche Frau von 45 Jahren und dennoch kampfgestählte Emanze. Sie findet, Emily Dickinson sei grundfalsch verstanden worden - als Mensch und als Dichterin. Statt in ihr einfach eine romantische Künstlerin der Oberschicht zu sehen, die nun mal in eine Frau verliebt war, habe man sie immer als übergeschnappte Eigenbrötlerin abgetan.

Smith ist nicht die erste Feministin, die sich auf den Briefwechsel mit Susan gestürzt hat. Sie vertraut darauf, daß sich ihre These eines Tages durchsetzen wird - vor allem, wenn es ihr gelingt, hinter den gestrichenen Textstel- len weitere Belege dafür zu finden. Ich erzähle ihr, daß ich mit dem Literaturwissenschaftler Harold Bloom über das Thema gesprochen hätte. Er hatte gesagt: "Für mich zählt, was Richard Sewall in seiner Biographie schreibt, daß Dickinson drei tiefe Liebesbeziehungen zu Männern hatte." Bloom schreibt das Interesse an Susan dem wachsenden Interesse an Untersuchungen über Homosexualität zu.

Martha Nell Smith zeigt auf ihr Buch Open Me Carefully, das auf dem Kaffeetisch liegt. "Sagen Sie Bloom, er soll das mal lesen. Wir haben eindeutige Beweise für eine lesbische Liebe." Obwohl Smith den Hintergedanken an Homosexuellenstudien weit von sich weist, interessiert sie sich doch stark für die Biographien Homosexueller. "Die Rekonstruktion schwuler und lesbischer Lebensläufe quer durch die Geschichte stärkt die Selbstachtung homosexueller Studenten. Es ist gut für sie zu wissen, daß Menschen sich schon immer auf verschiedene Weise geliebt haben."

Für David Porter, einen emeritierten Englischprofessor an der Universität von Massachusetts, ist Smiths Detektivarbeit "absolut legitim". Nur das Thema Sexualität bereitet ihm Unbehagen. "Wenn man Emily Dickinson auf ihr soziales Verhalten reduziert, auf eine offenkundige menschliche Schwäche, dann entgeht einem das Wesen ihres literarischen Werkes", meint Porter. "Das außergewöhnliche an Emily Dickinson ist doch, daß sie sich ihr Leben lang abgeschottet hat, damit der Leser eben nichts über ihr Privatleben erfährt."

Ich sage daher zu Martha Nell Smith: "Ich weiß, daß ich eine schmutzige Phantasie habe. Aber gingen sie nun miteinander ins Bett oder nicht? Und finden Sie das überhaupt wichtig?"

"Ich habe auch eine schmutzige Phantasie", lacht Smith. "Ich interessiere mich durchaus für Bettgeschichten. Aber ich bin ein wenig gespalten. Einerseits glaube ich, daß es mich nichts angeht, ob Emily und Susan eine körperliche Beziehung hatten. Andererseits interessiert mich aber doch, was sie so trieben. Und ich glaube, es ist wichtig für das Verständnis von Emilys Werk und Leben."

Doch was würde Dickinson dazu sagen? Hat Smith ihre Privatsphäre verletzt?

"Ich glaube, sie würde sich amüsieren bei der Vorstellung, daß sich die Leute Gedanken über ihr Liebesleben machen. Sie wollte die Menschen zu mehr Gefühlen ermuntern. Ich glaube nicht, daß sie in der heutigen Zeit etwas dagegen hätte, daß man über ihre Liebesgeschichten spricht."

Und Susan?

"Spekulationen über Schlafzimmergeschichten wären ihr sicher nicht recht gewesen. Aber daß wir über ihre Liebe reden, das hätte ihr bestimmt gefallen."

Ich bin anderer Meinung. Susan Dickinson macht auf mich den Eindruck einer zwar unverklemmten, aber hochanständigen Neuengland-Aristokratin. Selbst in unserer freizügigen Zeit wäre sie nicht nur gegen Nachforschungen über ihr Sexualleben, sondern auch gegen die Veröffentlichung eines Buches mit dem Titel Open Me Carefully. Doch ich denke in falschen Kategorien. Smith ist Wissenschaftlerin, die historische Enthüllungen verkündet. Selbst wenn ihre Objekte etwas dagegen hätten - sie würde ihre Arbeit tun.

Seit etwa zehn Jahren debattieren Literatur- und Musikwissenschaftler, ob das Wissen um die Geheimnisse des Sexuallebens eines Genies auch ein tieferes Verständnis seiner Schöpfungen vermittelt. Besonderes Interesse gilt der Frage, ob Franz Schubert, der einen engen Kreis männlicher Freunde um sich scharte, homosexuell war. Die Musikwissenschaftlerin Susan McClary glaubt, Schuberts sexuelle Ausschweifungen schlügen sich in Struktur und Klang seiner Unvollendeten nieder. Auch der britische Komponist Benjamin Britten, der einige seiner Opern speziell für seinen Geliebten, den Tenor Peter Pears, geschrieben hat, wurde daraufhin unter die Lupe genommen.

Jetzt sind, dank Alfredo Guevara, dem Urologen aus Arizona, aller Augen und Ohren auf Beethoven gerichtet. Die 160 Haare von Beethovens Kopf, die Guevara in seinem Büro in Nogales aufbewahrt, stammen ursprünglich aus einer Locke von 582 Haaren, die sich im Besitz einer dänischen Familie befand. Vor vier Jahren erstand Guevara zusammen mit Mitgliedern der Amerikanischen Beethoven-Gesellschaft bei Sotheby's in London diese Locke zum Preis von 6458 Dollar plus Steuern. Guevaras Anteil betrug 5000 Dollar.

Die restlichen 422 Haare wurden dem Ira-F.-Brilliant-Zentrum für Beethoven-Studien an der San José State University in Kalifornien gestiftet. Dort werden sie wie eine Reliquie behandelt. Der Haarkringel befindet sich in einem feuersicheren Safe im hinteren Teil des Gebäudes. Wenn er aus seiner Schachtel mit der Aufschrift "Guevara-Locke" hervorgezaubert wird, ist der Betrachter eigenartig berührt. "Als ich die Locke das erste Mal sah, dachte ich, wie schön sie ist", erinnert sich William Meredith, Musikwissenschaftler und Direkter des Zentrums. "Weil sie nämlich dreifarbig ist: braun, grau und weiß."

Nachdem sie ihre Pläne verkündet hatten, unterschrieben Guevara und Ira Brilliant, Immobilienmakler in Phoenix, einen Vertrag mit Broadway Books, in dem sie sich verpflichteten, bis zur Bekanntgabe ihrer Untersuchungsergebnisse in etwa 15 Monaten Stillschweigen zu bewahren. "Kein Wort über die Haare", sagt Brilliant, als ich ihn an der San José State University treffe. Brilliant, ein charmanter alter Herr von 76 Jahren, will nicht verraten, worauf seine und Guevaras Untersuchungen eigentlich abzielen. Doch er stellt den amerikanischen Forschungsansatz dem konservativen der Deutschen gegenüber. "Die Deutschen haben 30 Jahre bis zur Veröffentlichung der Konversationshefte gebraucht", sagt er. Gemeint sind jene Hefte, in denen Beethovens Besucher Fragen und Antworten notierten, wenn sie mit dem tauben Komponisten kommunizierten. "Wir machen das anders."

Lange Haare wie die der Guevara-Locke können angeblich wie ein Tagebuch speichern, was der Körper über viele Monate zu sich genommen hat. Das bislang einzige öffentlich verkündete Resultat ist nicht gerade spektakulär: Beethoven wurden auf dem Totenbett offenbar keine Opiate verabreicht. (Inzwischen ist deutschen Zeitungsberichten zufolge außerdem durchgesickert, daß Beethoven an einer Bleivergiftung gestorben sei. Er soll zuviel Fisch aus mit Schwermetallen verseuchten Gewässern verspeist haben. Anm. d. Red.)

Auf der Internet-Seite des Beethoven-Zentrums ist von dem "Gerücht" die Rede, Beethoven habe Syphilis gehabt. Vor zwei Jahren berichtete die Chicago Tribune, der Präsident des Gesundheitsforschungsinstituts in Naperville, Illinois, William Walsh, habe in einer Nachrichtenkonferenz verkündet, daß in seinem Labor 20 Beethoven-Haare auf Quecksilber hin untersucht wurden. Zur Zeit Beethovens war Quecksilber das gängigste Mittel gegen Syphilis. Beethovens Haare sollten zusammen mit anderen Strähnen, deren chemische Zusammensetzung bekannt ist, in einen Kernreaktor gesteckt werden. Nach Neutronenbeschuß der Haare wären die Spezialisten in der Lage, die relativen Mengen von Quecksilber, Arsen und anderen Substanzen in der Locke des Komponisten auszumachen. Eine große Menge Quecksilber würde auf Syphilis hinweisen, eine große Menge Arsen dagegen darauf, daß Beethoven vergiftet wurde. Außerdem könnte man herausfinden, was Walsh als chemisches "Geniemuster" bezeichnet: Ein hoher Kupfer- und Sodiumgehalt bei geringen Zinkmengen, sagt er, werde oft mit Intelligenz und Exzentrikertum in Verbindung gebracht. Brilliant und Guevara hofften außerdem, Beethovens DNA anhand der Kopfhautproben rekonstruieren zu können, um einen genetischen Fingerabdruck des Genies zu entwickeln.

Auch im Fall Beethoven sind es sexuelle Fragen, die die Aufmerksamkeit erregen. Einige glauben, die Locke könnte etwas über die "unsterbliche Geliebte" verraten - jene anonyme Adressatin, an die Beethoven vermutlich im Juli 1812 im Alter von 41 Jahren einen zutiefst leidenschaftlichen Brief geschrieben hatte: "Mein Engel, mein alles, mein Ich".

Niemand weiß, ob dieser Brief jemals abgeschickt wurde, doch er ist zu einem zentralen Punkt in der Beethoven-Forschung geworden. Die meisten Forscher teilen die Auffassung seines Biographen Maynard Solomon, daß die "unsterbliche Geliebte" Antonie Brentano war, die geheimnisvolle Gönnerin des Komponisten. Allerdings gibt es auch andere Meinungen, die jedoch im Reich der Spekulation bleiben. Beethoven-Liebhaber fanden nämlich heraus, daß zu Beginn des Jahres 1813 sowohl die Brentano als auch eine Unbekannte - Josephine Stackelberg von Brunsvik - niederkamen. War nun Karl Josef Brentano oder Minona Stackelberg Beethovens Kind? Und läßt sich anhand der Guevara-Locke die Vaterschaft feststellen?

"Im Grunde ist es egal, mit wem Beethoven geschlafen und wen er gezeugt hat. Es sei denn, es hat sich auf die Musik ausgewirkt", findet Susan Lund, britische Schriftstellerin und Beethoven-Forscherin. Sie verficht die Karl-Josef-Brentano-Theorie. "In diesem Fall behaupte ich, daß es einen Zusammenhang gibt. Ich bin der Meinung, daß Beethoven die Missa Solemnis für Karl Josef geschrieben hat, und das ist von erheblicher Bedeutung." Sowohl Lund als auch Meredith, Direktor des Beethoven-Zentrums, betrachten Beethovens Spätwerk als Bekenntnis, ja möglicherweise als Ausdruck für seine Zerrissenheit im Verhältnis zu seinem Kind, dessen Vaterschaft er nicht anerkennen konnte. War Beethovens fruchtlose Periode von 1816 bis 1819 zum Teil Folge dieses Konflikts? Drückt sein großartiges Spätwerk wie die Missa Solemnis eine Art von Versöhnung aus? Weder Minona Stackelberg noch Karl Josef Brentano hatten selbst Kinder. Deshalb kamen Meredith und Lund auf die Idee, herauszufinden, ob die beiden adligen Familien nicht vielleicht Haarsträhnen von ihnen aufbewahrt haben, die man mit der Guevara-Locke vergleichen könnte. "Ich bin in dieser Richtung noch nicht weitergekommen, hatte jedoch kürzlich das Glück, einige Mitglieder der Brentano-Familie kennenzulernen", verrät mir Lund. "Es sind nette Menschen. Aber man kann doch nicht herumfahren und die Leute fragen: ,Übrigens, hätten Sie nicht ein paar Haare für mich?'"

Lunds Theorie gehört ins Reich der Phantasie, nicht ins Reich der Erkenntnis. Doch ich kann nicht umhin, den Beethoven aus Fleisch und Blut, den sie konstruiert hat, zu bewundern. Ihre Thesen sind mittlerweile weit verbreitet. Selbst distinguierte Musikwissenschaftler, die normalerweise nur darüber grübeln, wann das c-Moll in einer Klaviersonate vorkommt, befassen sich nun mit dem Thema.

Lewis Lockwood, Musikprofessor in Harvard, ist nicht so begeistert von der Guevara-Locke. Das große Interesse an Beethovens Privatleben habe die wissenschaftlichen Prioritäten verschoben, klagt er: "Wir sollten uns für Beethoven interessieren, weil er ein kraftvoller und kreativer Künstler war. Jetzt hat sich das Gewicht auf seine Unzulänglichkeiten und Mißerfolge verlagert. Die Betonung liegt jetzt ganz stark auf seinem Leiden, seinen Behinderungen, statt auf seinen enormen Fähigkeiten und dem, was er der Menschheit mitgegeben hat."

Dasselbe gilt auch für Jefferson. Thomas Jefferson war Plantagenbesitzer in Virginia und Familienvater, doch in erster Linie war er ein großer Denker. Die wichtigsten Worte in der Geschichte der Demokratie - "daß alle Menschen gleich geschaffen sind" - waren das Ergebnis eines intellektuellen Diskurses, nicht eines Schlafzimmergespräches. Stephen Ambrose und andere sind der Ansicht, daß die Beziehung Jeffersons zu Sally Hemings eine historische Nebensache ist. Und doch waren Eugen Fosters Enthüllungen über Sally Hemings für die Psyche der Amerikaner von großer Bedeutung. Es ging dabei im Kern um das Rassenproblem, weigerten sich doch die Traditionalisten unter den Historikern mit Händen und Füßen, den mündlichen Überlieferungen der Schwarzen Glauben zu schenken.

Als ich meinem Erstaunen Ausdruck verleihe, daß eine pikante Frage alle anderen Errungenschaften Jeffersons in den Schatten stellen konnte, beugt sich Foster zu mir vor, um mir eine Lektion über Literatur und Mythos zu erteilen. "Ich mache oft Lesungen für Blinde", sagt er. "Neulich las ich aus einem dicken Theaterband vor, angefangen bei König Oedipus bis zurück zu Medea und schließlich hin zu Hedda Gabler und Miss Julie. Dabei geht es immer um verbotenen Sex! Mir fiel auf, daß jedes einzel- ne dieser Stücke alle nur denkbaren sexuellen Verpöntheiten enthält. Und wenn die auf alten Mythen beruhen, was lernen wir daraus? Daß es zu allen Zeiten nur um das eine ging."

Es mag albern und altmodisch erscheinen, sich für das Privatleben der Toten ins Zeug zu legen, wenn die sexuelle Privatsphäre der Lebenden so oft beliebigen Grundsätzen geopfert wird (zum Beispiel wenn das Sexleben eines Politikers im Internet enthüllt wird, weil wir in "schlimmen Zeiten" leben). "Das Recht auf Information ist nur ein Aspekt einer aufgeklärten Gesellschaft", erklärt der Historiker Roger G. Kennedy. "Es darf nicht andere Rechte, einschließlich des Rechts auf Schutz der Privatsphäre, außer Kraft setzen. Sonst ist es nichts wert."

"Es ist richtig, die Geheimnisse der Toten preiszugeben, solange unser Interesse der Wahrheitsfindung dient, nicht der Befriedigung von Sensationslust", sagt Marilee Lindemann, Martha Nell Smith' Lebensgefährtin, über den Fall Dickinson. Aber kann man das eine wirklich vom anderen trennen? Unser Fehler liegt darin, zu glauben, daß uns die Betroffenen die Erlaubnis dazu gegeben hätten. Wir haben sie nicht! Es ist auch falsch zu glauben, kernphysikalische Untersuchungen von Beethovens Haar könnten uns die schwierige intellektuelle Arbeit ersparen, sein Leben nachzuzeichnen.

Für die Wissenschaftler von heute sind jedoch pikante Details ein wichtiger Teil bei der Rekonstruktion von Lebensläufen. Wie Alfredo Guevara schon sagte: Das Wissen um diese Details macht die großen Geister des 19. Jahrhunderts nicht kleiner, sondern realer. Generationen von Historikern haben uns in Ehrfurcht erstarren lassen, wenn sie uns die großen Persönlichkeiten der Geschichte präsentierten - und dabei oft vergessen, daß auch Genies Genitalien haben. Emily Dickinson wäre bestimmt entsetzt, hätte sie erfahren, wie weihevoll die Literaturwissenschaftler einmal mit ihr umgehen würden. Die Enthüllung ihrer irdischen Seite nimmt die Strenge aus ihrer Legende. Und Thomas Jefferson hätte es bestimmt peinlich berührt, hätte er gewußt, welche bombastischen Denkmäler man dereinst zu seinen Ehren errichten würde. Die Sally-Hemings-Episode macht ihn sympathischer. Harold Blooms Annahme wiederum, daß Shakespeare Syphilis hatte, erfüllt die Bitterkeit des Sonetts 129: "Der Seelen Tod in schimpflicher Zerstörung - Ist Lust in Tat..." - irgendwie mit Leben.

© The New York Times Magazine

Aus dem Englischen von Sigrid Weise