Der Mainzer Medizinstudent konnte es nicht fassen. Seine Antwort entsprach der Musterlösung in einem früheren Prüfungstermin. Trotzdem wurde sie ihm als Fehler angekreidet. Auch eine weitere, laut medizinischem Fachbuch einwandfreie Lösung monierte sein Prüfer als falsch. Im Ergebnis hatte der Student damit nur 106 von 180 Fragen richtig beantwortet; es fehlten ihm zwei Punkte, um die medizinische Vorprüfung zu bestehen. Da dies bereits der dritte Anlauf war, kam prompt das Schreiben vom Prüfungsamt: Ein weiterer Versuch sei nicht mehr möglich, das Studium der Medizin somit erfolglos beendet.

Ein solches Schreiben war bis zu diesem Zeitpunkt das Aus für den Berufswunsch. Denn wer dagegen klagte, holte sich vor Gericht regelmäßig eine Abfuhr. Bei der Korrektur von Examensarbeiten hätten die Prüfer einen Beurteilungsspielraum und könnten nicht kontrolliert werden, so die damalige Meinung der Justiz. Der Mainzer Medizinstudent ließ sich davon nicht abschrecken, klagte vorm Bundesverfassungsgericht und erreichte eine Wende in der Rechtsprechung. Im Ergebnis ist es für Hochschulabsolventen jetzt wesentlich einfacher, sich vor Gericht gegen ungerechte Prüfungsentscheidungen zu wehren.

Dabei enthielt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts eigentlich nur Selbstverständlichkeiten: Eine vertretbare und mit gewichtigen Argumenten folgerichtig begründete Antwort dürfe nicht als falsch gewertet werden, urteilte das höchste deutsche Gericht. Dem Beurteilungsermessen der Prüfer müsse immer ein entsprechender Antwortspielraum des Prüflings gegenüberstehen. Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse dürften deshalb nicht als Fehler angerechnet werden, so die Karlsruher Richter (Az.: 1 BvR 1529/84, 138/87).

Diese für den juristischen Laien unspektakuläre Urteilsbegründung stellte Anfang der neunziger Jahre die bisherige Rechtsprechung zu Prüfungsfragen auf den Kopf. Denn Inhalte waren bis zu diesem Zeitpunkt für die Gerichte kein Thema. Alles außer Formfragen fiel für die Justiz stets in das Beurteilungsermessen der jeweiligen Prüfungskommission. Somit waren auch willkürliche Entscheidungen möglich, etwa eine schlechte Note im juristischen Staatsexamen aufgrund einer schwer lesbaren Handschrift (Bundesverwaltungsgericht, Az.: VII B 24/75). Und wenn ein gelangweilter Professor in der mündlichen Prüfung fachfremde Bücher las, konnte dies der durchgefallene Examenskandidat vor Gericht meist nicht beweisen (Oberverwaltungsgericht Münster, Az.: 15 A 2304/83). Denn um juristischen Problemen aus dem Weg zu gehen, waren Zeugen nur bei den wenigsten Prüfungen zugelassen.

Doch seit dem Urteil der Karlsruher Verfassungshüter sind die Ansprüche der Verwaltungsgerichte an eine ordnungsgemäße Prüfung ständig gestiegen. "Die Gerichte rügen jetzt auch immer häufiger inhaltliche Mängel", sagt die auf dem Gebiet des Hochschulrechts tätige Berliner Rechtsanwältin Rita Maria Brucker. Im Zweifel entscheidet somit ein vom Gericht bestellter Sachverständiger, ob die Lösung des Absolventen zumindest vertretbar war (Bundesverwaltungsgericht, Az.: 6 B 55/97). Auch ob eine Frage zulässig ist, entscheidet im Streitfall ein Gericht. So darf in einer Juraprüfung nicht gefragt werden, wo der Staat Mali liegt und wie dessen Hauptstadt heißt (Bundesverwaltungsgericht, Az.: 1 C 118/86).

Die konkrete Notenvergabe ist hingegen gerade bei mündlichen Examen weiterhin kaum angreifbar. Die Justiz betont hier stets die einmalige und nur schwer rekonstruierbare Prüfungssituation: "Prüfungsspezifische Wertungen sind der Letztentscheidungskompetenz der Prüfer überlassen", so das Bundesverwaltungsgericht (Az.: 5 C 47/95). Gerügt werden können somit höchstens formale Mängel, etwa eine erheblich zu lange Prüfung (Oberverwaltungsgericht Münster, Az.: 22 A 1533/89) oder höhnische Bemerkungen eines Hochschullehrers (Oberverwaltungsgericht Münster, Az.: 22 A 7462/95). Doch solche Kommentare muß der gescheiterte Kandidat vor Gericht beweisen.

Wer Nachteile befürchtet, sollte deshalb einen Zeugen mit in die Prüfung nehmen. Dies hält inzwischen auch das Bundesverwaltungsgericht für berechtigt (Az.: 6 B 65/93). Die Berliner Rechtsanwältin Rita Maria Brucker empfiehlt sogar, bei einem konkreten Verdacht den Prüfer abzulehnen. "Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit eines korrekten Examens, aber auch die Klagechancen bei einem Fehlverhalten des Prüfers", sagt die Expertin für Hochschulrecht.