Für die Japaner ist er ein gajin, ein Fremder. Einer, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Und dennoch gilt Jürgen Seebeck Millionen von Menschen im Land der aufgehenden Sonne als ein verehrungswürdiges Wesen. Denn Jürgen Seebeck ist ein mangaka. Er zeichnet Mangas, japanische Comics.

Anders als zum Beispiel in Deutschland sind die Bildergeschichten in Japan ein wichtiger Teil der Alltagskultur. Amerikanische Journalisten haben sich den Scherz erlaubt, auszurechnen, daß die Japaner mehr Papier zur Herstellung von Comics als für Toilettenrollen verbrauchen. Die Zeichner berühmter Manga-Serien genießen allerhöchsten Respekt; in Kawasaki im Süden von Tokyo gibt es sogar einen buddhistischen Tempel, den Jorakuji-Schrein, der den Mangas geweiht ist. Jürgen Seebeck, der für Kodansha arbeitet, einen der größten Comic-Verlage Japans, ist damit auf direktem Weg in den japanischen Manga-Himmel.

Ähnlich dem Schritt der Comic strips Mitte der dreißiger Jahre heraus aus den Zeitungen in eigene Magazine wird auch der Wechsel der Bildergeschichten vom bedruckten Blatt ins digitale Universum seine Auswirkungen auf Form und Erzählstil haben. "Da entsteht etwas, das sich vom normalen Comic-Heft fundamental unterscheidet", sagt Seebeck in seinem Hamburger Atelier, wo er seine Geschichten für das japanische Internet-Magazin Morning-Online entwickelt.

Seebeck, der in Hamburg Japanologie studierte, ohne an Comics zu denken, erhielt 1989 eine Einladung des japanischen Kulturministeriums zu einem einjährigen Stipendium an einer Tokyoter Universität. Zur gleichen Zeit suchte der deutsche Comic-Verlag Carlsen Übersetzer für japanische Bildergeschichten. Seebeck und seine Frau Junko Iwamoto bekamen den Job. Sie halfen den Helden des Kult-Manga Akira, ihre weißen Sprechblasen mit schwarzen deutschen Wörtern zu füllen.

Wegen der Übersetzungsarbeit waren sie oft in den Redaktionsräumen von Kodansha, wo eines Tages ein Kodansha-Redakteur Seebecks Zeichentalent entdeckte. Er bot ihm an, für Morning zu arbeiten, ein Manga-Magazin, das in Japan jede Woche fast einmillionmal verkauft wird. Seither durfte der gajin seine Zeichnungen neben denen der größten Stars der Branche präsentieren.

Historische Charaktere sind praktisch - der Leser kennt sie

Während eines Italienurlaubs inspirierte das Kolosseum in Rom den deutschen mangaka und seinen japanischen Freund und Kollegen Takahashi Tsutomu zu einem Manga. Bloody Circus sollte die Geschichte heißen und ziemlich frei mit historischen Personen und Orten umgehen. "Auf verschlungenen Wegen landete die Vorlage auf dem Schreibtisch des Redakteurs, der gerade das Internet-Magazin Morning-Online konzipierte", sagt Seebeck.