Der Kanzler hat recht, wenn er dem alten und zukünftigen Parlamentsgebäude in Berlin seinen traditionellen Namen lassen will. Den Reichstag als Verfassungsorgan der Jahre 1871 bis 1945 gibt es nicht mehr, das Bauwerk gleichen Namens steht noch. Neuer Hausherr wird der Deutsche Bundestag sein, die Volksvertretung eines demokratischen Staates, der keine Gespensterfurcht vor Spukschlössern kennen sollte.

Der alberne Namensstreit wird bald vergessen sein. Trotzdem verdient der Fall ein paar Nachgedanken. Gerhard Schröder hat bei den Umbenennern die alte sozialdemokratische Unart der Volksbelehrung und überhaupt ein allzu verklemmtes Verhältnis der Deutschen zur Geschichte erkannt. Da sprach der Kanzler der Unbefangenheit und Normalität. Was in der Namensdiskussion aber wirklich fehlte, war weniger Unbefangenheit als Kenntnis. Offenbar genügt das Signalwort "Reich", um einen phobischen Reflex auszulösen, eine Wilhelm-Zwo-und-Nazi-Angst, die den historischen Verstand ausschaltet: Zum Thema Reichstag erinnert man sich allenfalls an das Ermächtigungsgesetz, das Hitlers absolute Macht legalisierte. Es ist freilich nicht im Reichstagsgebäude beschlossen worden, das in der Nacht des 27. Februar 1933 ausgebrannt war, sondern in der Kroll-Oper gegenüber. In Paul Wallots Plenarsaal hat Hitler nie geredet.

Zwar läßt sich auch eine Gegenrechnung aufmachen; am Ende ist dem Reichstag die Parlamentarisierung des Wilhelminischen Deutschland nicht gelungen. Aber insgesamt war er doch eine der erfreulicheren Erscheinungen der jüngeren deutschen Geschichte, seine Tagungsstätte ist kein Ort der Schande. Davon wäre zu reden gewesen, um die historische Bezeichnung zu verteidigen, nicht einfach über Verklemmtheit oder Unverklemmtheit. Würde Hitlers Reichskanzlei noch stehen, so könnte kein deutscher Regierungschef dort jemals wieder residieren, selbst wenn das Bauwerk den unverdächtigsten neuen Namen bekäme. Aber der Reichstag ist eben nicht die Reichskanzlei, und auf Unterschiede kommt es in Fragen der Geschichtspolitik an. Wenn Schröder sich darüber klar sein sollte, so hat er es die Öffentlichkeit jedenfalls nicht wissen lassen. Ist es unvorstellbar, daß der Bundeskanzler eine Minute Sendezeit im Fernsehen darauf verwendete, dem Publikum drei Episoden aus der Geschichte des Berliner Reichstags zu erklären? Man darf vermuten, daß er damit größere Aufmerksamkeit fände als mit Selbstberichtigungen zu Steuerreform, Atomausstieg oder 630-Mark-Jobs. Vielleicht würde es die Leute sogar mehr bewegen als die neulich bei Thomas Gottschalk erörterte Frage, ob Schröders Haar gefärbt ist.