In Brüssel träumt man nicht von Europa. Sagt ein Kunsthistoriker, der für die Europäische Kommission arbeitet. Das heißt: Der Augenschein regt nicht zu Zukunftsträumen an. Ästhetisch ist die Hauptstadt Europas mißlungen. Rat und Parlament haben Zeichen ins Stadtbild gesetzt, von denen jedes einzelne als Illustration für den Niedergang der abendländischen Stadtplanung dienen könnte.

Beispielsweise das neue Ratsgebäude am Robert-Schumann-Platz, im Volksmund der Katafalk genannt; das Grundstück ist bis an den Rand vollgestellt mit Gebäudeklötzen aus graurosa Granit und blauem Rauchglas. Drei preisgekrönte Entwürfe eines Wettbewerbs sind zu einem Modell verschnitten und dann in Billigfassung gebaut worden. Auch innen ist der Bau mißlungen. "Ich verlaufe mich nach fünf Jahren immer noch", sagt ein Beamter, der sein Büro nahe am Eingang hat. Bis zum Jahr 2000, wenn Brüssel eine von neun Kulturhauptstädten Europas sein wird, sollen wenigstens ein paar Äußerlichkeiten besser sein.

"Die Gemeinschaft", heißt es da in einem angestrengt formulierten Satz, "leistet einen Beitrag zur Entfaltung der Kulturen der Mitgliedsstaaten unter Wahrung ihrer nationalen und regionalen Vielfalt sowie gleichzeitiger Hervorhebung des gemeinsamen kulturellen Erbes." Außerdem soll sie allgemein "den kulturellen Aspekten Rechnung [tragen], insbesondere zur Wahrung und Förderung der Vielfalt ihrer Kulturen". Das ist die sogenannte Kulturverträglichkeitsklausel des Artikels 128, Absatz 4. Sie ist das Faustpfand im Streit um die Buchpreisbindung und um die Frage, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk denselben Wettbewerbsbedingungen unterworfen sein soll wie die Stromwirtschaft.

Formal ist der Vertrag mit Leben erfüllt worden. Eine EU-Behörde mit dem unglaublichen Namen Amt für amtliche Veröffentlichungen in Luxemburg hat zum Beweis jüngst eine Broschüre mit Beispielen zusammengestellt. Mittel werden von vielen Abteilungen an vielfältigste Kulturprogramme in Europa verteilt. So unterstützt zum Beispiel die Generaldirektion XXII (Bildung) das Festival des keltischen Films mit vier Millionen Ecu im Jahr, der Fonds für regionale Entwicklung gibt 600000 Ecu für die Web-Site Promise (ein virtuelles Museum) und der Sozialfonds 570000 Ecu für eine Veranstaltungsreihe in Schottland rund um den Film Braveheart .

Die Gemeinschaftsverwaltung betreibt in absichtsvoll planloser Vielfalt quer durch ihre Ressorts Kulturpolitik im weitesten Sinn. Außerdem gibt es noch eine eigene Direktion für Kultur, und es gibt einen Kommissar für kulturelle Angelegenheiten, den Spanier Marcellino Oreja. Er hat sich in seiner Amtszeit mit Erfolg um Farblosigkeit bemüht.

Praktisch ist gerade die Fachabteilung, aus verschiedenen Gründen, fast bedeutungslos. Ihr Haushalt, das eigentliche Kulturbudget, beträgt für die Jahre 2000 bis 2004 insgesamt 167 Millionen Euro - das sind umgerechnet 65 Millionen Mark im Jahr oder 0,04 Prozent der Gemeinschaftsmittel - und gilt schon jetzt für 29 europäische Staaten. Die Niederlande haben aus innenpolitischen Gründen im Ministerrat ihr Veto eingelegt. Damit ist der Haushalt erst einmal blockiert.

Blockiert ist bis auf weiteres auch die Verabschiedung des neuen Rahmenprogramms Kultur 2000, das die knappen Mittel anders verteilen will. Vor 2001 wird es kaum in Kraft treten. Die klassische Kultur hat in der EU, wie ein Verantwortlicher aus der Kommission die Lage zusammenfaßt, "negative Priorität": Das neue Programm umfaßt ausdrücklich Worthülsen wie die "Kultur der Natur", "der Solidarität" und "des Friedens". Wer soll Europa da als kulturpolitischen Akteur ernst nehmen?