Es brennt in Deutschland, lichterloh. Wer hinschaut, gerät ins Schwitzen. Aber das Löschwasser ist schnell bei der Hand, so schnell, daß es einen im Nu wieder friert. Deutschland im Kino: ein kalter, unwirtlicher Ort, an dem sich die Brandanschläge häufen. Die neuesten einheimischen Filme betreiben Energiezufuhr mit der Kraft der Elemente, als gelte es, die versickernde Komödienwelle per Schocktherapie vergessen zu machen.

Eine Schokoladenfabrik wird von Neonazis angezündet. Der greise jüdische Besitzer beantwortet die Frage nach der Höhe des Schadens mit einer Gegenfrage: "Wie schnell schmilzt Schokolade?" Derweil lernt seine Enkelin Lena im fernen New York den orthodoxen Juden David kennen, und ein paar Häuserblocks weiter begibt sich Detective Kaminski auf die Spur des Gasmeisters von Treblinka. Die Klimaanlagen spielen verrückt; alle leiden unter der Hitze des Sommers. Meschugge von Dani Levy und Maria Schrader: ein Film über deutsch-jüdische Identitätsstörungen, der erste einheimische Thriller, der seinen Stoff aus dem Holocaust bezieht. Dreimal geht die Leinwand in Flammen auf.

Die Münchner Beziehungskomödien der neunziger Jahre hatten die Entpolitisierung und Privatisierung der Bilder betrieben, so Georg Seeßlen. Die energischen Metaphern von Erde, Flammen und Fluten signalisieren die Abkehr von jenen seichten Fahrwassern. Sie versprechen die Rückeroberung des öffentlichen Raums und riskieren die Nahaufnahme von Geschichte und Gegenwart. Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um. Fragt sich bloß, ob mit dem Klimawechsel auch ein Paradigmenwechsel einhergeht.

Zumindest haben sich die Genres geändert. Auf die Komödien folgen Melodramen, Sozialstücke und Thriller. In Meschugge stirbt eine Mutter durch die Hand der anderen; deren Kinder stoßen bei der Aufklärung des Falls auf das Erbe der Großväter. Lügen und Geheimnisse - niemand ist, was er scheint. Selbst die KZ-Nummer auf dem Unterarm erweist sich als Fake. Maria Schrader und Dani Levy, die auch die beiden Hauptrollen spielen, haben sich dazu eine Liebesgeschichte auf den Leib geschrieben: die schicksalhafte Begegnung zwischen den Enkeln der Täter und Opfer, die dem Wiederholungszwang mit der Kraft der Gefühle zu entkommen suchen. Zwei Nachgeborene zwischen Trauma und Schuld: die Walser-Bubis-Debatte im Genreformat. Jede Flucht vor der Vergangenheit mündet in eine Verfolgungsjagd, die Solidarität mit den Opfern wird als Verwirrspiel mit vertauschten Identitäten in Szene gesetzt, und die Vergebung ist ein leidenschaftlicher Kuß unter der Dusche.

Aber die beiden Schauspieler-Autoren haben sich übernommen. Mit der rasant montierten Hetzjagd nach der Wahrheit weist sich Levy als Profi unter den Action-Regisseuren aus. Aber der Psychologie seiner Figur ist er als Schauspieler nicht gewachsen. Meschugge möchte großes Publikumskino, spannender Krimi, Lovestory, moralische Anstalt und Selbstbefragung sein. Der Film mußte scheitern.

In diesem Scheitern liegt jedoch mehr Wahrheit als in der Sentimentalität von Aimée & Jaguar oder in Joseph Vilsmaiers Historien-Verschnitt der Comedian Harmonists . Als Romanze im Berliner Bombenhagel und als Musical vor brauner Kulisse wird die Erinnerung erträglich. Es gab doch auch Schönes, Schlager und Bohnenkaffee. Wie schnell schmilzt Schokolade? Man wischt sich die Tränen ab und geht versöhnt nach Hause.

Schrader und Levy verabreichen wenigstens keine Beruhigungspille. Sie bringen die Befindlichkeit der eigenen Generation ins Spiel. Wer von uns heute 40jährigen hat nicht nach der ersten Geschichtsstunde über den Holocaust davon gealpträumt, selbst im Lager gewesen zu sein, weil wir nicht einmal mental in die Nähe der Nazigroßväter geraten wollten? In ihren jüngsten Rollen als Jüdin in Aimée & Jaguar und als vermeintliche Jüdin in Meschugge verleiht Maria Schrader diesen verzweifelt ohnmächtigen Phantasien Gestalt. Anmaßend daran ist allerdings der Versuch, solche Phantasmen in einen Krimi-Realismus zu übersetzen. So rackern sich Schrader und Levy an der Vergangenheit ab und sind ihr doch nicht gewachsen. Auch Meschugge verheißt am Ende Versöhnung und dokumentiert mit seinem kruden Finale deren Unmöglichkeit.