Eine Frauenhand aus blauem Plastik schwebt über einer alten Schreibmaschine, deren Tasten langsam überwuchert werden von immergrünen Sukkulenten. Zwischen Birnenspalier und Passionsblumen lehnen ein paar Schaufensterpuppen an der Gartenmauer. "Manchmal sitzen Pfauen im Büro", sagt Ivan Hicks. The Future of Offices nennt er dieses Ensemble, als habe er hier den Geist Magrittes aus einer Samentüte geschüttelt.

Unter Englands Gärtnern ist Ivan Hicks der exzentrischste, sein Garden in Mind die bizarrste Blüte im Land der blühenden Gartenphantasie. Wenige Meilen nordöstlich von Portsmouth, wo die Straßen sich in den Hügeln der South Downs verlieren, im ehemaligen Küchengarten von Stansted Park hat Hicks seine grüne Traumwelt eingerichtet. Der Eintritt kostet zwei Pfund und einen Penny. "Zwei Pfund für den Garten, einen Penny für die Kunst", erklärt Hicks. Indes kann man auch in surrealistischer Währung zahlen: mit Hummer, Puppe, Spiegel oder Riesenmuschel.

Angefangen hat das alles 1991, als Auftragsarbeit für die BBC-Serie Dream Gardens. Sie gaben ihm 500 Pfund und ein Stück Brachland. "Es war eine große leere Leinwand", sagt Ivan Hicks. "In einem Sommer machten wir daraus einen wunderbaren Garten." Was auf den ersten Blick so chaotisch wirkt wie ein überwachsener Schrottplatz, ist ein genau kalkuliertes Pflanzbeet der Ideen, ein Zaubergarten voller Symbole und Zeichen. "Meinem Entwurf liegt die mythische Vorstellung des Weltbaums zugrunde. Dieser kosmische Baum, der das Universum bedeutet, hat seine Wurzeln in der Unterwelt, im Unbewußten. Sein Stamm ist die Erde, das Bewußtsein; und seine Zweige reichen in die Überwelt, ins Transzendente. Diesen drei Stadien entsprechen Geburt, Leben und Tod", erklärt Hicks, so selbstverständlich, als ginge es um Erbsen, Bohnen und Kartoffeln.

Der Garten als Symbol der Lebensreise, mit verschiedenen Stufen, verschlungenen Pfaden und Scheidewegen - es ist eine Geschichte aus uralten Zeiten, die hier neu erzählt wird mit der kombinatorischen Phantasie der Moderne. Spielerisch verbindet Hicks das Immergrün der Gartenarchetypen mit Fundstücken des Alltags. Statt Rosen zu züchten, kultiviert er die zweite Natur der Dinge. "Gardening is a combination of hairdressing and cooking", sagt Hicks. Was man beschneidet, wächst nach wie beim Friseur, und es ist ähnlich kreativ wie Kochen.

Schlangenförmig windet sich der Pfad durch ornamentale Riesengräser. "Wir sind im Paradies", sagt Hicks. Da bleiben wir naturgemäß nicht lange. Schon sehen wir mitten im Grünen ein Bild der gescheiterten Hoffnung, ein gestrandetes Boot, aus dem nur noch ein paar Beine ragen - arme Seelen auf dem Weg in die Unterwelt. So kommen wir zu einem Teich und einem blauen Haus. Eine Pflugschar am Dachfirst gibt der kleinen Chinoiserie den Pagodenkick. "Wir sind im Himmel", sagt Hicks, "das ist der Pool of Life." Hier könnten wir einen Sommertag lang meditieren. Aber was wächst denn da aus dem Hartriegelstrauch? Hohe Eisenstangen, an denen Marken und Schaufeln stecken - "digging the clouds", was man eben so braucht zum Umgraben der Wolken.

Ein kleines Mädchen, das mit seinen Eltern den Garden in Mind besuchte, hat ihm das schönste Kompliment gemacht: "This can't be a garden, mum - it's too much fun!" Hicks lacht. Er hat ein hageres, wetterbraunes Gesicht, Regenrinnenfalten. Graublaue Augen, schulterlanges Haar, ein Späthippie mit Erde unter den Fingernägeln und den Kopf voller Grillen.

Ivan Hicks, Jahrgang 1944, ist in London aufgewachsen, in einer Familie mit acht Kindern. Sein Vater war Koch bei der Luftwaffe und Ivan nicht gerade ein Mustersohn. "Statt zur Schule ging ich viel lieber in die Tate Gallery, in alle möglichen Museen." Damals begann seine Lust auf Bilder. Seine frühesten Gartenerinnerungen? "Trümmergrundstücke in London, da spielten wir als Kinder am liebsten, in verwilderten, verlassenen Gärten."