Wer Ende letzten Jahres zu BIZZ griff, dem "neuen Wirtschaftsmagazin von Capital" , der wurde von der Zeitschrift mit einem heiklen Dauerthema konfrontiert: "Wer bin ich?" Ein auf das Titelbild aufgeklebter Spiegel warf dem Leser dabei sein eigenes Gesicht zurück - allerdings schrecklich verzerrt und unscharf. Solche Schwammigkeit gehört fokussiert, signalisierte die Zeitschrift damit ihrer Zielgruppe, den künftigen Unternehmer-Individuen der Neuen Mitte. Denn wer heute einen Job will, der muß zu sich selbst gefunden haben und über seine Eigenschaften und Möglichkeiten genau Bescheid wissen. Ansonsten, so sagen die Personalchefs, hat man keinen Spaß bei der Arbeit, und das mindert die Leistung immens. Allerdings ist das nicht so einfach mit der Persönlichkeit. Schon seit Jahrtausenden, teilt die Zeitschrift dem verwirrten Jobeinsteiger mit, versuchen die Gelehrten mehr oder minder vergeblich, dem "Geheimnis der Individualität" auf die Spur zu kommen. Persönlichkeit, meint auch ein Personalentwickler, ist "ein Puzzle mit 3000 Teilen". Als Ausweg bietet BIZZ schließlich einen Test mit dem "Myers-Briggs Typenindikator" an. Die Auswertung gibt es zum Discount. Ob man freilich ein "Typ" geworden ist, wenn man schließlich einen Job hat, das scheint zumindest fraglich. Zumal ja neben einem starken "Selbst" vor allem Flexibilität erwartet wird, und da könnte es mit dem gerade gewonnenen Fokus auch schnell wieder vorbei sein.

In Bret Easton Ellis' Roman American Psycho, der im Wall-Street-Milieu spielt (also in des BIZZ- Lesers Sonnenstaat), haben die Personen ständig Probleme, sich überhaupt noch wiederzuerkennen. Für ihre Selbstidentifizierung scheint der Beruf dabei keine Rolle mehr zu spielen, sondern nur die zur Schau gestellten Konsumaccessoires: Bei jeder Begegnung rattert der Protagonist eine Liste der am Körper des Gegenüber sichtbaren Markenartikel herunter. Die Produktpalette einem Eigennamen zuzuordnen, fällt jedoch schwer. Man weiß nicht, ob "der Typ da vorn" nun dieser oder jener ist, und man toleriert es durchaus, wenn man mit einem falschen Namen angesprochen wird.

Jeder ist ein Volk, stellte Christoph Schlingensief im letzten Jahr also zu Recht fest und gründete schließlich im Bildungstempel Theater die erste "Partei der absolut autonomen Einzelnen". Mit Hilfe der überaus interessierten Medien verbreitete er die Botschaft, jeder solle die Möglichkeit erhalten, sich selbst darzustellen und sich in dieser Selbstdarstellung "zu spüren". Da es in der Kultur nun nicht mehr vorrangig um die Autonomie des Menschen geht, sondern um Unterschiede, hat sich die kulturelle Sphäre folgerichtig in einen monumentalen Differenzbauchladen verwandelt. Was früher als Abweichung galt, ist heute in mundgerechter Form zutiefst begehrt: Stile der Subkultur in der Mainstream-Mode, Gangster-Rap in den Charts, behinderte Physikgenies in den Bestsellerlisten, Proletarier-Trash in Tom-Gerhard-Comedy und beliebten Ami-Sitcoms, Travestimus in Samstagabend-Show und Werbung, schwule Camp-Ästhetik im Schlager, lesbische Liebe in Soap-operas oder Models, die behindert sind oder aussehen wie Drogensüchtige. Sogar der eigene Körper wird irreversibel mit Insignien von Andersheit beschriftet, die weiland als primitiv (Piercing et cetera) oder als proletenhaft (Tätowierungen) galten.

Wer sich in der Differenzkonsummaschine bedient, erwirbt Zugehörigkeit. Nicht nur zu bestimmten Szenen oder Milieus, sondern auch zur Neuen Mitte ganz allgemein. Wolfgang Joop, der im Spiegel "das Abweichende als Ideal" feierte und sich in diesem Sinne eine Frau als Bundespräsidentin wünscht (Frau Schipanski?), faßte in einem Interview das Konsens-Credo seines "ungerechten Lebensstils" zusammen: "kosmopolitisch, forever young, kreativ, wohlhabend, reisend".

Die Talk-Show ritualisiert das Bekenntnis zur Abweichung

Das paradoxe Dogma des Millenniums lautet daher: Je individueller man wird (oder, richtiger: Je mehr Mittel man hat, individuell zu werden), desto mehr gehört man dazu. Insofern reicht es den Kreativsten in der Neuen Mitte nicht, durch Identifikation mit dem Anderssein an irgendeiner vorbestimmten Differenz bloß zu partizipieren. Nein, man verschweißt allerlei Konsumprodukte mit dem Selbst, indem man das Verhältnis zu ihnen privatisiert und zum Teil der eigenen Lebensgeschichte macht. So überschreitet die Avantgarde das Prinzip "forever young" in Richtung "forever child", denn schließlich gelingt es Kindern am besten, persönliche Kultgegenstände zu schaffen. Beharrlich werden bestimmte Konsumartikel der Zirkulation entrissen, um Fetische aus ihnen zu machen: Freudig erregt spricht man über seine Bindungen zu alten Fernsehserien, Klebebildchen, Puppen et cetera. Deutsche Rapper nennen sich Kinderzimmer Productions und regredieren in geschlossene Kinderwelten. Junge Künstler präsentieren dem Publikum ihre Kinderzimmer. Und selbst irgendein alter Kühlschrank kann unendlich mit privater Bedeutung angefüllt werden.

Die pausenlose Arbeit am eigenen Selbst führt die "Lebensästheten" (Goebel/Clermont) immer tiefer in eine völlig private Innerlichkeit. Gleichzeitig muß diese Innerlichkeit permanent öffentlich ausgestellt werden, weil nur der Vergleich vor Publikum die gewonnene Individualität bestätigt. Und so entwickelt sich auch die Öffentlichkeit mehr und mehr zum klaustrophobischen Pluriversum des Privaten. Das zeigt sich nicht nur im ritualisierten Bekenntnis zur persönlichen Abweichung in der nachmittäglichen Talk-Show oder in den "Live-Übertragungen" aus dem eigenen Leben per Kamera oder Tagebuch ins Internet. Auch die politische Sphäre ist von dieser Entwicklung ergriffen: So antwortete etwa Joschka Fischer, von der ARD nach seinem wichtigsten Erlebnis im letzten Jahr gefragt, nicht etwa: "Ich bin Außenminister geworden", sondern: "Ich habe mich verliebt." Mehr erfahren wir sicher in seinem neuen Buch über den "langen Lauf" zu sich selbst. Zur gleichen Zeit steigen seine Beliebtheitswerte.