Sie fragen nach dem für mich wichtigsten Buch dieses Jahrhunderts, meiner Meinung nach also, kaum für mich privat, was zur Gegenfrage zwingt, wo denn dieses sozusagen vorauseilende Bedürfnis nach einer Bestenliste herrührt und was es wohl sein könnte, das ein Buch wichtiger als ein anderes macht? Ein Kanon etabliert sich von selbst, er richtet sich auf unvorhersehbare Weise für jede Epoche immer wieder neu ein, weil er - trotz aller germanistischen Propädeutik - wesentlich von einem kollektiven Gedächtnis bestimmt wird; welche Werke dann aus unserer Bibliothek von Babel gegriffen werden, hängt davon ab, ob sie noch Relevanz für eine Gegenwart besitzen, ob sie den für die jeweilige Zeit bestimmenden Fragen eine symbolische Form zu bieten imstande sind. Darin liegt ein Anspruch an die Literatur, der im Grunde stets auch ihre Notwendigkeit anzweifelt.

Der Anspruch dagegen, den die Literatur selbst stellt, formuliert sich konträr dazu: für sie ist jedes Buch wichtig, setzt sich ihre Entwicklung von Band zu Band fort - und aus diesen evolutionären Bindungen sind auch die mißlungenen nicht wegzudenken. Das einzige Kriterium dabei, nach dem sich ein Buch als gut bewerten läßt, ist das seiner inneren Notwendigkeit, seiner Kongruenz, der Grad, in dem es sein inhaltliches Anliegen formal einlöst. Ob dieses relevant ist, hängt allein vom einzelnen Leser ab; darüber hinaus ist zwar das Feuilleton versucht, ein kleinstes gemeinsames Vielfaches zu finden, doch auf umfassende Gültigkeit kann es weiß Gott auch nicht bauen. So lösten den heute vergessenen Kotzebue zuerst Schiller und schließlich Goethe als Leitfigur ab; umgekehrt ist es jedoch fast schon eine Regel, daß das, was bei Erscheinen kaum wahrgenommen oder verrissen wurde, Joyce' Werke beispielsweise, jetzt in der Literaturgeschichte etabliert ist: was eben mit wechselhaften Interessen zu tun hat. Was aber verrät dann der Versuch, auf diese übergeordneten Selektionsmechanismen Einfluß zu nehmen? Hinter all den Parallelaktionen zum Millennium, die kulturell Bilanz ziehen, wird uneingestanden auch ein anderer, im Grunde totalitärer Anspruch weitergetragen - wenn über eine Hierarchie ein absoluter Wertmaßstab fixiert werden soll, an dem eine Gesellschaft zu messen wäre, ein Kanon, der dazu beiträgt, zukünftige Größenordnungen mit vorzugeben.

Wichtig ist dieses fragmentarische Epos darum nicht, weil sein Autor die wichtigsten literarischen Strömungen unserer Zeit mitgetragen hat und immer noch großen Einfluß ausübt - und nicht nur Eliot hat von Pound sein dichterisches Rüstzeug gelernt; es gibt nur wenige, von denen man sein Rüstzeug besser lernen könnte -, wichtig sind The Cantos, weil sich in ihnen das ganze Pandämonium dieses Jahrhunderts widergespiegelt findet, als Zeugnis des Scheiterns darin. Vor allem jedoch hat es seine Bedeutung, weil es auf grandiose Weise demonstriert, daß sich jeder Kanon von selbst unterminiert, weil die Freiheit der Literatur nicht nur in der relativen Freiheit vor jeder res publica, sondern mehr noch in der unbedingten Freiheit vor ihr selbst liegt. Zu Schreiben heißt, jeden Kanon zu ignorieren und ihn zugleich zu sprengen - was man beim Lesen ohnehin immer tut.

· Ezra Pound: Pisaner Cantos LXXIV-LXXXIV. Herausgegeben und aus dem Englischen von Eva Hesse; Arche Verlag, Hamburg; 288 S., Abb., 32,- DM