Es gab eine Zeit in Ralf Wiesners Leben, als er Streitigkeiten ausschließlich mit Worten zu schlichten versuchte. Oft ohne Erfolg. Damals arbeitete er als Sozialpädagoge im Jugendtreff eines Hamburger Vororts. Die Jungen prügelten sich, die Mädchen zankten, und Ralf Wiesner redete mit Engelszungen auf sie ein.

Wenn er heutzutage spürt, daß um ihn herum die Stimmung auf den Nullpunkt sinkt, serviert er flugs ein Limonensorbet - das sicherste Mittel, um verstimmte Seelen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Der 30jährige Wiesner ist Mietkoch. Einer, der sich in die Küchen von Wohngemeinschaften und Hochhausapartments, von Reihenhäusern und Lofts stellt, um Geburtstags-, Verlobungs- und Versöhnungsmenüs aufzutischen. Einer, der sich weder von Ikea-Schrankküchen noch von klebrigen WG-Kühlschränken irritieren läßt. Und vor allem einer, der zum Schluß abwäscht. Natürlich per Hand.

Zum Beispiel an diesem Abend in einer Bremer Frauen-WG. Der Auftrag, "wohltuend einfach": eine Geburtstagsfeier für 15 Personen, zu der eine der Bewohnerinnen ihre Großmutter sowie ein paar Verwandte und Freunde eingeladen hat.

Erst kurz zuvor hatte Ralf Wiesner zwei in Lack gewandeten Herren ein erotisierendes Menü beschert, Lachs in Limonensauce, Gelbwurzelgnocchi in Petersilienrahm und, als Höhepunkt, ein Tiramisu mit Marzipandildos. "Der eine war ziemlich baff, als ich die Sachen auftischte", erinnert sich Wiesner, "er hatte eigentlich seine Mutter erwartet." Auch den Auftrag, ein "Heiratsantragsmahl in der Badewanne" zu servieren, nahm der Koch an. Drei Stunden hantierte er mit Gemüsemesser und Rührlöffel in der Küche, während sich das Paar nebenan schrumpelig badete.

Nach dieser Feuerprobe konnte ihn auch die Zweieinhalb-Quadratmeter-Küche in Bremen nicht mehr aus der Fassung bringen, die weder Ablagefläche noch Backofen aufwies. In zwei Metallkoffern steckt Wiesners gesamtes Firmenkapital: Profitöpfe, Pfannen, Warmhaltebehälter, Messerset, Pürierstab, Gläser, Besteck, "ohne Kredit finanziert", wie er stolz anmerkt. 20000 Mark hatte Wiesner zusammengespart, bevor er sein Kochgewerbe anmeldete und erste Anzeigen in der taz schaltete.

Schnippeln auf dem Balkon

Zum Auftakt in Bremen soll es Rukola mit Früchten geben. Wiesner steht auf dem Balkon und schnippelt. In der Küche ist kein Platz. Fünf Teller, zehn Teller, fünfzehn - geschafft, nach nicht einmal einer Viertelstunde Vorbereitungszeit steht die Vorspeise auf dem Tisch. Wiesners Freund, in schwarzer Hose und weißem Hemd, hilft an diesem Abend mit, trägt gefüllte Teller ins Wohnzimmer, füllt die Gläser nach, leert Aschenbecher und stapelt die leeren Teller in der Spüle. Die Gäste im Wohnzimmer unterhalten sich angeregt.