Prishtina

Madeleine Albright hat die künftige Strategie für das Kosovo klar benannt. Wenn die Albaner in der zweiten Runde der Friedensverhandlungen nächste Woche doch noch unterschreiben, die Serben aber nicht, dann gibt es Luftangriffe auf Jugoslawien. Unterzeichnen - womit allerdings keiner rechnet - die Serben, nicht aber die Albaner, dann zieht der Westen seine "Unterstützung für die albanische Sache" zurück. Wollen beide das ausgehandelte Autonomiepapier nicht, muß eben weiterverhandelt werden. So klar reden Diplomaten selten. Eine historische Entscheidungssituation also? Daran mag man weder in Belgrad noch in Prishtina glauben. Der Krieg, vermuten Serben wie Albaner, wird erst einmal weitergehen.

Nur wenige Strategen sind auf den Gedanken gekommen, die Einigkeit zu nutzen und auszubauen. Veton Surroi, der Chefredakteur von Koha ditore, der einflußreichsten Tageszeitung, hat in den 14 Tagen nach Rambouillet eine böse und erfolgreiche Kampagne gegen Adem Demaci geführt, den radikalen "politischen Vertreter" der UÇK, der gegen die Unterzeichnung des Autonomiepapiers war. Der Diabetiker mit den dicken Brillengläsern erschien auf der Titelseite seiner Zeitung mit dämonisch vergrößerten Augen, und anderntags hieß die Schlagzeile: "Demaci gegen alle". Demaci ist zurückgetreten, zum zweitenmal allerdings schon in einem halben Jahr, und bereit zu eventueller Rückkehr. Auch die Amerikaner hatten ihren Erfolg:

Die UÇK darf nun, ohne Demaci, unter dem jungen Delegationsleiter Hashim Thaci eine "Regierung" für das Kosovo bilden, die von allen Albanern anerkannt wird. So hoffen die US-Vermittler, der Befreiungsarmee eine Rolle für die künftige Friedenszeit zu sichern. Ohne wichtige zivile Funktion müßte die UÇK nach einem Friedensabkommen ganz von der Bildfläche verschwinden, was ihrer Kompromißbereitschaft wohl geschadet hätte. Aber die Konversion der Armee ist noch lange nicht abzusehen. Auch ein Regierungschef Thaci, der seinen Kommandeuren verfassungsgemäße Beschränkungen aufzwingen oder gar die Waffen wegnehmen wollte, würde sich kaum durchsetzen können. Wenn er es denn überhaupt wollte: In Washington erschien er vorige Woche in Gesellschaft zweier extremer Hardliner, und er, Thaci, war es, der in Rambouillet gegen die Kompromißler die zweiwöchige Pause erzwang, die nun zu Ende geht. Auf Unterbrechungen einigt man sich am leichtesten. Auch die Einigkeit unter Ibrahim Rugova, die von 1989 bis 1996 bestand, funktionierte nur, während sich nichts bewegte.

Trotzdem rechnen Vermittler und Unterhändler damit, daß die Albaner das Autonomiepapier nächste Woche in Evreux unterzeichnen werden - falls bis dahin nichts mehr passiert, das die Einigkeit wieder zerbrechen ließe. Nur glaubt man in Prishtina nicht, daß das Problem mit der albanischen Unterschrift gelöst wäre. Die Drohungen der Nato gegen Serbien stoßen hier eher auf Desinteresse; schon in Rambouillet ließen sich die Albaner mit der Aussicht auf Luftschläge gegen den Feind keinen Millimeter bewegen. Man hofft, daß eine Konfrontation mit Milocevic den Westen noch fester an die albanische Sache binden würde. Dann, vielleicht, müßte bloße Autonomie für das Kosovo doch nicht das letzte Wort sein. Irgendwann könnte dann auch Demacis Stunde wieder schlagen. Das Projekt Befreiungskampf, für das Adem Demaci 29 Jahre lang im Gefängnis gesessen hat, ist eben auf längere Zeit angelegt.

Seit Rambouillet hat sich die Haltung Belgrads verhärtet

Wer den Kontrast zwischen der aufgeregten Angriffsdrohung im Westen und der Gelassenheit in Prishtina und Belgrad verstehen will, muß ins Kosovo fahren. Gleich auf der ersten Brücke bei Podujevo steht wie zur Demonstration ein Schützenpanzer der serbischen Polizei neben einem orange gestrichenen Landrover der 1000 OSZE-Beobachter. Nur wer das Abkommen vom Oktober studiert hat, kann sagen, wer hier wen bewacht. Bis heute gibt es kein überzeugendes Szenario dafür, wie die Beobachter im Falle von Luftangriffen evakuiert werden könnten. Der Landweg ist versperrt, seit die jugoslawische Armee die einzige Brücke auf der Straße nach Skopje vermint hat, und der Luftweg wäre, wenn man gegen den Willen der Serben ins Kosovo eindringen müßte, viel zu gefährlich. So werden die OSZE-Leute, die Richard Holbrooke im Oktober ins Land brachte, zu Geiseln. Und die Polizei, die das Kosovo so hart im Griff hält, operiert aus ganz normalen Polizeistationen mitten in Städten und Dörfern. Angreifen kann man sie nicht, schon gar nicht aus der Luft.