Tokyo

Der junge japanische Soldat umklammert sein Sturmgewehr. Seine Kameraden stürmen mit aufgepflanzten Bajonetten voran. Nur die rundliche Brille unterm Stahlhelm will nicht so recht zu der kriegerischen Pose passen. Auf der grünen Feldflasche am Gürtel steht sein Name: Kobayashi. Willkommen in der Welt des Ich-Erzählers Yoshinori Kobayashi, des Helden des japanischen Comics Senso-ron . Das heißt in etwa "Abhandlung über den Krieg".

Die japanische Geschichte wird in dem kriegsverherrlichenden Machwerk so zurechtfrisiert, daß sie solchen Ansichten nicht im Wege steht. Der Invasionskrieg etwa, mit dem das aggressiv militaristische und expansionslüsterne Japan ab 1931 die Mandschurei und ab 1937 China und weite Teile Asiens überzogen hat, erscheint da im Kontext der "Selbstverteidigung" Japans gegen die Kolonialisierung Asiens durch westliche Großmächte. "Irgendein asiatisches Land mußte einmal mit den weißen Imperialisten kämpfen. Japan tat es", liest man da. Blubb.

Die ganzen 379 Seiten, ein eher untypisches "Manga" (Comic), wären kaum der Rede wert, gäbe es nicht seinen atemberaubenden Publikumserfolg: Etwa eine halbe Million Male wurde Senso-ron seit seinem Erscheinen im Juni 1998 verkauft. Und wäre da nicht der leichtfertige Umgang mit den Kriegsverbrechen der Japaner. Das Massaker von Nanking, diese sechs bis acht Wochen dauernde gigantische Mord- und Vergewaltigungsorgie japanischer Soldaten im Dezember 1937, wird in dem Comic relativiert. Kobayashi legt seinen Lesern nahe, es gäbe keine Beweise für das Massaker. "Es ist von 300000 Opfern die Rede, aber damals lebten in Nanking nur 200000 Menschen", heißt es in Senso-ron .

Szenenwechsel in die reale Welt. Im ersten Stock eines Verlagsgebäudes im Tokyoter Stadtteil Bunkyo läuft ein nervöser Lektor vor seinem Schreibtisch auf und ab. Auch er beschäftigt sich mit dem Massaker von Nanking, wenn auch auf anderem Niveau. Er will das Buch Die Vergewaltigung Nankings - Der vergessene Holocaust des Zweiten Weltkriegs der amerikanischen Autorin Iris Chang auf japanisch veröffentlichen. Immer wieder klingelt das Telefon, und ein Rechtsradikaler brüllt ihm ins Ohr.

Hiraku Haga ist Cheflektor bei Kashiwa Shobo, einem kleinen Verlag mit nur 17 Mitarbeitern. Keines der großen Verlagshäuser Japans hatte sich an das politisch brisante Buch herangewagt, das nach seinem Erscheinen 1997 in den USA und weltweit Aufmerksamkeit erregte. Auch war es schwer, einen Übersetzer zu finden. Nun ist das Buch zwar übersetzt, aber die ursprünglich für den 25. Februar geplante Veröffentlichung ist auf unbestimmte Zeit verschoben. "Ich bereue es inzwischen, mich auf dieses Projekt eingelassen zu haben", sagt Haga. Dann schellt erneut das Telefon. "Das war schon wieder ein Rechtsradikaler", sagt Haga. "Er will mich treffen."

Mehr als 50 Jahre nach Kriegsende, mehr als 60 Jahre nach dem Massaker von Nanking ist es in Japan wegen der Militanz rechtsextremer Gruppen immer noch gefährlich, über dieses Thema zu reden oder zu schreiben. Von Bedrohungen berichten alle, die es jemals versucht haben. "Die Rechten haben sogar in der Schule nach meinen Kindern gefragt. Wir mußten umziehen", sagt Katsuichi Honda, Herausgeber der Wochenzeitschrift Shukan Kinyobi und Autor mehrerer Bücher über das Massaker. Unvergessen ist der Schuß, mit dem ein Rechtsextremist am 18. Januar 1990 den damaligen Bürgermeister von Nagasaki schwer verletzte, weil er sich öffentlich über die Kriegsverantwortung Kaiser Hirohitos geäußert hatte. Und nun hat die Polizei auch schon das Büro des Herrn Haga auf seine Sicherheit hin überprüft. "Wir haben ein wenig Angst", sagt der Lektor.