Jetzt rutscht Joachim Kempin wieder nervös auf seinem Stuhl herum. Chefankläger David Boies setzt zur nächsten Frage an: Er und andere Microsoft-Manager hätten wiederholt behauptet, ihr Unternehmen sei den PC-Herstellern immer weitgehend entgegengekommen. Wie Kempin denn dann folgendes Zitat aus einem Schreiben von Hewlett-Packard an den Microsoft-Vorstand erkläre: "Wenn wir die Wahl hätten, dann wären Sie sicher nicht unser bevorzugter Lieferant."

Vor Gericht bei Halbwahrheiten oder gar Lügen erwischt zu werden ist mehr als peinlich. Doch den von Microsoft nominierten Zeugen passieren solche Fauxpas erstaunlich häufig. Das macht klar, wie schlecht es um den Softwarekonzern in seinem Kartellprozeß mittlerweile bestellt ist. "Als die Anwälte von Bill Gates im Herbst vor Gericht gingen, hatten sie gute Karten. Aber das Blatt haben sie verspielt", schrieb kürzlich das Wall Street Journal . Deswegen läuft in den Vereinigten Staaten schon jetzt, Monate vor dem Urteil, eine heftige Debatte: Welche Zwangsjacke soll der aggressive Windows-Monopolist verpaßt bekommen?

Das Gericht tagt im Saal Nummer zwei des Federal Court Building in Washington, unweit des Kapitols. Der Raum macht nicht gerade den Eindruck, als würde hier über das Schicksal des weltgrößten Softwarekonzerns entschieden. Das Ambiente erinnert an das eines typischen amerikanischen Amtsgerichts: häßliche Holzvertäfelung, harte Bänke, das Wappen der Vereinigten Staaten. Auch der großväterliche Richter Thomas Penfield Jackson will nicht so recht zu dem hochtechnischen Verfahren passen. Oft starrt der 61jährige Jurist minutenlang ins Leere. Manchmal trägt er Witze vor. Etwa jenen von einem neuartigen Antrieb für Hochgeschwindigkeitszüge: Katzen fallen bekanntlich immer auf die Beine, Toasts auf die Butterseite. Wenn man also den Rücken von Katzen mit Butter beschmiert, dann müßten sie doch anfangen zu rotieren.

Aber es wäre ein Fehler, Jackson zu unterschätzen. Er weiß durchaus Bescheid, fragt gezielt dazwischen. Auch macht er kein Hehl aus seinem Unmut, wenn ein Zeuge unkooperativ ist. Vor allem, als die Anklage das Video eines Verhörs von Bill Gates vorspielte, rollte der Richter die Augen: Der sonst brillante Microsoft-Chef wußte plötzlich nicht mehr, was Wörter wie "Marktanteil" oder "Browser" bedeuten.

Der Star des Verfahrens ist freilich ein anderer: Chefankläger David Boies - der am meisten gefürchtete Prozeßanwalt jenseits des Atlantiks. Den Ruf begründete er ironischerweise als Vertreter von IBM in dem Kartellverfahren gegen den Computerkonzern Anfang der achtziger Jahre. Seine Fragekünste trugen wesentlich dazu bei, daß Big Blue damals ungeschoren davonkam. Vor allem sein gutes Gedächtnis nützt dem 57jährigen. Weniger begabte Juristen hätten sich schon längst in Tausenden von E-Mails verloren, mit denen Boies die Microsoft-Zeugen immer wieder in die Zwickmühle bringt - entweder sie geben klein bei, oder sie machen sich unglaubwürdig.

"Mein Name ist David Boies. Ich vertrete die Vereinigten Staaten", eröffnet der Jurist seine Verhöre - was die Zeugen nicht gerade beruhigt. Auch Joachim Kempin zuckt zusammen. Dabei ist der einzige deutsche Spitzenmanager bei Microsoft sonst hart im Nehmen: Er wacht mit eiserner Hand darüber, daß PC-Hersteller Windows auch vorschriftsgemäß installieren. Nicht umsonst wird er in der Branche der Vollstrecker genannt. Vor Gericht versucht der 55jährige Kempin allerdings, den tumben Teutonen zu spielen. "Wenn ich all die Lizenzbestimmungen im Kopf behalten soll, dann muß ich meinen Speicher erweitern", meint er gleich am Anfang mit schwerem deutschen Akzent.

Anfangs gelingt es Boies nicht, ihn bloßzustellen. Doch am zweiten Tag des Kreuzverhörs legt der Anwalt los, hält dem Zeugen belastende E-Mails unter die Nase - und zwingt ihn zuzugeben, was die Wettbewerbshüter Microsoft unter anderem vorwerfen: daß die Gates-Firma PC-Hersteller dazu gedrängt habe, ihre Internet-Software Explorer prominent auf dem Windows-Bildschirm zu plazieren.