Vergangene Woche im Bundestag: Die rot-grüne Mehrheit einigt sich auf die Ökosteuer. Eine "historische Stunde", wie der Sozialdemokrat Ernst Ulrich von Weizsäcker meint. Doch eine Entscheidung gegen den Willen des Volkes. Zwei Drittel der Wahlberechtigten, fand die Forschungsgruppe Wahlen heraus, will nichts davon wissen, die Steuern auf Energie zu erhöhen, um damit niedrigere Rentenbeiträge zu finanzieren. Umwelt - nein danke.

Kommt Öko aus der Mode? Ein Rundruf bei Experten: "Die hohe Zeit des Umweltschutzes ist vorbei", antwortet der Mainzer Politologe Kai Arzheimer. "Den Grünen kommt das Thema abhanden", gibt der Kölner Soziologe Markus Klein zu Protokoll. Der Berliner Politikforscher Martin Jänicke spricht von einer "Flaute" und meint, das Volk sei "ökologisch eher lustlos"; Ulrich Steger, Professor für Umweltmanagement in Lausanne, macht einen Abschwung im Lebenszyklus des Umweltthemas aus. Und Thilo Bode, Geschäftsführer von Greenpeace International, treibt die Sorge um, das Ökothema könne gänzlich "hinten runterfallen".

Schnee von gestern. Seit die Grünen-Forderung nach einem Benzinpreis von fünf Mark publik wurde, verlieren die Ökopaxe fast täglich Sympathisanten, mittlerweile rund ein Drittel, so die Erkenntnis von Markus Klein, der am Kölner Zentralarchiv für empirische Sozialforschung dem Geschick der Grünen nachspürt. Bei den Landtagswahlen in Hessen liefen ihnen die Wähler regelrecht davon.

Es geht aber um mehr als um die Zustimmung zur Politik der Grünen. Zwar mögen sie das ein oder andere Mal Ökogefahren überspitzt dargestellt und so Frust erzeugt haben. Das Interesse an ihrem Kernthema, dem Umweltschutz, wäre aber ohnehin erlahmt. Niemand bekommt das so zu spüren wie die professionellen Umweltschützer in den Verbänden. Mit der akademischen Erkenntnis, daß Getränkedosen der Umwelt mehr schaden als Mehrwegflaschen, läßt sich beispielsweise heute kaum noch ein Jugendlicher überzeugen, mußte Olaf Bandt, Kampagnenorganisator des BUND, lernen. Dosen sind eben einfach cool - ein Image, das sich nur mit den Mitteln des modernen Marketings verändern läßt. Neuerdings agitiert der BUND deshalb mit einem Auftritt im Internet, mit HipHop Musik und Schulpartys gegen den Dosenkult. "Umweltschutz gilt als Erwachsenenthema, wo man gegenhalten muß", faßt Bandt seinen Eindruck von der Gefühlslage der jungen Leute zusammen.

Allerdings treiben Ökofragen auch die Erwachsenen selbst immer weniger um. Hatten 1996 noch 66 Prozent aller Deutschen Angst vor einer Umweltkatastrophe, waren es zwei Jahre später nur noch 56 Prozent, fand der Rostocker Soziologe Peter Preisendörfer heraus, der im Auftrag des Bonner Umweltministeriums regelmäßig das Ökobewußtsein des Volkes erforscht. Den Lebensstandard zugunsten der Umwelt einschränken wollten 1996 noch 54, zwei Jahre später nur noch 44 Prozent. Und der Aussage, Umweltschutz solle auch dann durchgesetzt werden, wenn dadurch Arbeitsplätze verlorengingen, stimmte 1998 nicht einmal mehr jeder fünfte zu; 1996 waren es immerhin noch 27 Prozent.

Amtliche Umweltschützer bekommen die Wende genauso zu spüren wie Hobbyökologen. Lüneburger Richter kippten kürzlich den niedersächsischen Nationalpark Elbtalaue. Jürgen Jakobs, Sprecher des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), registriert seit rund zwei Jahren eine "wachsende Bewegung" gegen die Ausweisung großflächiger Naturschutzgebiete. Und jener Handvoll Umweltschützer, die einen Gerichtsentscheid gegen den Bau eines Sperrwerks an der Ems erwirkten, schlägt in der Region offene Feindseligkeit entgegen. Die Beschäftigten der Meyer-Werft in Papenburg fürchten um ihre Jobs, wenn die immer größeren Ozeanriesen nicht mehr gen Nordsee schwimmen können.

Am deutlichsten fiel der Bewußtseinswandel beim Thema Auto aus. Ob Tempolimit, Sperrung von Innenstädten oder höhere Parkgebühren - die Zustimmung des Volkes schwindet rasant. "Gänzlich unberührt" vom Umweltschutzgedanken sei das "Problemkind Auto", offenbart der Soziologe Preisendörfer seine Enttäuschung. Die Staus sind länger geworden, die Stimmung ist dennoch zugunsten des Autos umgeschlagen. Ganz locker kann Bundeskanzler Gerhard Schröder deshalb tönen, er sei "der Kanzler aller Autos".