Woran erkennt man eine Stadt? Ganz einfach: an der Stadt unter der Stadt. Ist unter der Stadt keine Stadt, so handelt es sich bei einer solcherart unterstadtlosen Stadt keineswegs um eine richtige Stadt. Die Beispiele sind Legion: Häuserhaufen, umgarnt von Autobahnzubringern, erleuchtet durch Monis Futterkrippe, unterm Pflaster plattes Land, das kennt jeder, und das soll diese schöne Kolumne jetzt nicht weiter verhäßlichen.

Reden wir von der Stadt mit Unterleib, reden wir von Berlin. Reden wir von Berlin, nicht wie es brummt und baut, oben auf der hauptstädtischen Benutzeroberfläche. Reden wir von Berlin, wie es geistert und spukt, unten, wo die Hamster und Wellensittiche meiner Kindheit in Vatis Gartenerde ruhen, wo Oma und Opa, Brecht und Hegel vermodert sind und wo die Bunker sieben Stockwerke tief unterm Asphalt ihren Bunkerschlaf halten.

Ein Gespensterreigen wie frisch aus der Schlacht. Kaiser Sigismund steht noch der Kamm vom Kampfe, Markgraf Waldemar fand kaum die Muße, die prächtigen Schienbeinschoner abzulegen, und König Friedrich Wilhelm I. sperrt noch die hastig übergeworfene Joppe überm königlichen Wanst. Der Sieg, nichts als der Sieg spricht hier noch aus der letzten Schuhrosette. Und doch, ach, fehlt hier und da der Bauch, ragt dort ein Armstumpf stolz in die leere Luft, ist allenthalben ein schmerzlicher Verlust der Nase zu verzeichnen, auf daß auch der Dümmste gleich begreift, daß, was in der Oberwelt einst groß und mächtig war, in der Unterwelt doch mächtig klein geworden ist.

Von den Gespenstern der preußischen Geschichte zu den wirklichen Gespenstern im Bunker am Anhalter Bahnhof ist es dann nur noch einen Gebeinwurf weit. Am Schöneberger Ufer gibt es das einzige und erste Gruselkabinett der Republik, Bunkerbesichtigung inklusive. Tief in der Erde zeigt die Berliner Gruselkabinett und Entertainment GmbH alles, was die Luftschutzgemeinschaft bei ihren Besuchen unter Tage einst vergessen hat: Harzer Hotelführer, Rentenbescheide, Postsparbücher, den Völkischen Beobachter, Heringsfilet in der Dose, Himmlers Visitenkarte und Luthers kleinen Katechismus. Im Obergeschoß heben sich die Sargdeckel, klappern die Grabsteine, wackeln die Totenköpfe, huschen festeingestellte Erschrecker durch die Bunkergänge, daß selbst ein tapferes Herze bibbert. In den alleruntersten Verliesen hallen nur noch die eigenen Schritte durch die Bunkernacht, wackelt die Vergangenheit mit ihren langen Ohren.

Will sagen: Die Berliner Luft mag berühmt, die Berliner Republik ein doller PR-Erfolg sein, die Berliner Erde jedoch ist, Hand aufs Grab, der Stoff, aus dem die Stadt ist.